|
Zur Veröffentlichungs-problematik der Kriegsgeschichte Über alptraumhafte Leseeindrücke
Zu den Gesprächsanregungen
|
- Hast du schon einmal etwas von Erich Maria Remarque gehört? - Wenn ja, wo und mit welcher Tendenz ist er dir vermittelt worden?
Marcus Bollenbach (18): Ja, von Erich Maria Remarque gehört habe ich schon. Er war Autor des Anti-Kriegs Romans "Im Westen nichts Neues". Dieser Roman sorgte für großes Aufsehen. Die Nationalsozialisten sahen ihn als Verspottung der Frontsoldaten im 1. Weltkrieg an. Ein Großteil der deutschen Bevölkerung kaufte sich aber damals den Roman, denn man wollte ein Zeichen gegen den Krieg setzen. Auch der Film zum Buch sorgte für Aufsehen. Die Tendenz, mit der mir Remarque vermittelt wurde ist, daß er, selbst Frontsoldat im 1. Weltkrieg, die Bevölkerung darauf aufmerksam machen wollte, wie grausam so ein Krieg ist. Er wollte mit seinen Romanen Kritik an Gesellschaft und Zeitgeschichte zum Ausdruck bringen.
Sabine Weiden (18): Ich wurde im Rahmen des Differenzierungsunterrichts (Geschichte, Erdkunde und Politik) in der 10. Klasse über Erich Maria Remarque und sein Buch "Im Westen nichts Neues" informiert. Unser Lehrer war der Ansicht, daß dieses Buch uns die Möglichkeit bieten würde, uns kritisch mit dem Verlauf des 1. Weltkrieges und dessen Ereignissen an der Kriegsfront auseinander-zusetzen - Wenn du nur vage Dinge über ihn gehört haben solltest und jetzt nach der Lektüre über ihn in seiner Bedeutung für die deutsche Geschichte befragt werden würdest, was würdest du über ihn sagen?
Marcus Bollenbach (18): Remarque hat einen großen Beitrag dazu geleistet, daß Anti-Kriegs-Literatur und -Filme bekannt wurden. Meines Wissens nach ist der Roman und Film "Im Westen nichts Neues", der erste große Anti-Kriegs-Roman, bzw. Film. Remarque spielt eine große Bedeutung für die deutsche Geschichte. In einer Zeit des einsetzenden Rechtsrucks wollte er mit Roman und Film nochmals auf die Grausamkeit eines Krieges aufmerksam machen.
Sabine Weiden (18): Das Buch kann die Meinung des einzelnen über den 1. Weltkrieg und die Soldaten entscheidend beeinflussen und prägen. Somit spielt und spielte Remarque eine wichtige Rolle in Bezug auf die Meinungsbildung der damaligen sowie der heutigen Bevölkerung im In- und Ausland. Damit trägt der Autor auch eine große Verantwortung, der er sich damals gewiß nicht bewußt war. Die Bevölkerung, insbesondere die Jugend, sollte sich kritisch mit diesem Thema auseinandersetzen und aus diesem Grunde sollte das Buch "Im Westen nichts Neues" näht deren einzige Informationsquelle sein. Somit ist das Buch ein Beispiel dafür, daß Ereignisse und Literatur der Vergangenheit die heutige politische und soziale Entwicklung immer noch stark beeinflussen können.
- Gehört der skandalöse "Kampf gegen Remarque" ab 1929 zu den Ereignissen, die nicht vergessen werden dürfen?
Marcus Bollenbach (18): Ich bin der Meinung, daß diese Ereignisse nicht vergessen werden dürfen. Remarque leistete schon 1929, in der das nationalsozialistische Regime noch gar nicht an der Macht war, Widerstand gegen dieses System. Wie oben erwähnt, sahen die Nationalsozialisten seinen Roman als Verspottung der Soldaten an. Sie versuchten deshalb mit allen Mitteln, sein Buch bzw. den Film schlecht zu machen, oder noch schlimmer, Vorstellungen des Film mit gezielten Aktionen zu stören. Ein weiterer Umstand, daß der Kampf zu den Ereignissen zählt, die nicht vergessen werden dürfen, ist, daß wenn ich richtig informiert bin, die Bücher von Remarque bei der "Bücherverbrennung" der Nazis verbrannt wurden.
Sabine Weiden (18): Der erbitterte Kampf gegen die amerikanische Verfilmung des Bestsellers, von Seiten der NSDAP unter der Leitung von Goebbels, war ein Anzeichen der Gewalttätigkeit und des Radikalismus mit dem die NSDAP versucht hat, ihre Ziele zu erreichen. Diese Straßenkrawalle und das Vorgehen der NSDAP zeigten damals schon auf, daß die NSDAP gegen liberale Grundsätze bzw. Werte und Tradition der franz. Revolution (z.B. die Meinungs- und Pressefreiheit) vorgehen wollte. Dieser Aspekt und die Brutalität der NSDAP in den Jahren 1929 und 1930 hätte die Linke und die Mitte warnen und dazu bewegen sollen, so schnell wie möglich gegen den stetigen Aufwärtstrend der NSDAP vorzugehen. Der Kampf gegen den Remarque-Film sollte in die Geschichte eingehen, um uns gegen Bewegungen zu motivieren, die das Ziel haben, die liberalen Grundrechte außer Kraft zu setzen.
- Lassen sich die beiden Ereignisse: Straßenkrawalle in Berlin (1930) anläßlich der Filmvorführung in Berlin (1930) mit den Straßenkrawallen anläßlich der Wehrmachtsausstellung in München (1997) vergleichen?
Marcus Bollenbach (18): In gewissem Maße lassen sich die beiden Ereignisse schon vergleichen. Zu den Straßenkrawallen in Berlin habe ich mich weiter oben schon geäußert. In München war das ähnlich. Die NPD rief dazu auf, gegen die Wehrmachtsausstellung zu demonstrieren. Ziel der NPD war es, daß die Soldaten des 2. Weltkrieges nicht mehr als Verbrecher dargestellt werden sollten. Immerhin schlossen sich einige tausend Menschen der Demonstration an. Gleichzeitig rief die Linke-Gruppierung zu einer Gegen-Demo auf, zu der sich noch mehr Menschen zusammenschlossen. Die Polizei in München verhielt sich neutral.
Sabine Weiden (18): Beide Protestaktionen kamen von rechts, jedoch verliefen die Demonstrationen im Jahre 1997 sehr friedlich im Gegensatz zu den Straßenkrawallen in Berlin. Es bestanden inhaltliche Unterschiede in den Protesten: Die NSDAP kämpfte gegen die Darstellung der Soldaten als Feiglinge und Drückeberger. Demgegenüber steht die Reemtsma-Ausstellung, die der Wehrmacht brutale Verbrechen während des 2. Weltkrieges vorwirft und sie als Stütze des Nazi-Regimes bezeichnet. Gemeinsamkeiten bestehen in dem Ziel, die Soldaten der Reichswehr und der Wehrmacht vor öffentlicher Kritik zu schützen. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht in dem Vorwurf der Protestbewegungen an den Staat, auf der falschen Seite zu stehen. - Wenn ja, welche Schlußfolgerungen ziehst du daraus?
Marcus Bollenbach (18): Die Gefahr, die von rechtsextremen Parteien ausgeht, ist nicht zu unterschätzen.
Sabine Weiden (18): Die Schlußfolgerung sollte für uns sein, uns besonders kritisch und wachsam mit diesem und anderen Themen unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wir sollten uns über die Argumentation und Ziele beider Seiten informieren und versuchen, daraus unsere eigenen Schlüsse zu ziehen, ohne uns von einer Seite in unserer Meinungsbildung beeinflussen zu lassen. |
