
"Im Westen nichts Neues", das Kriegsbuch von Erich Maria Remarque, der größte Bucherfolg, der in Deutschland je erzielt wurde, hat einen Meinungskampf von selten erlebter Schärfe hervorgerufen. Es gibt wohl keine Zeitung, die nicht Stellung nahm. Eine ganze Reihe von Blättern schrieb mehrmals. Nicht immer war die Würdigung objektiv, je nach den politischen Bestrebungen des Blattes las man die verschiedensten Tendenzen aus dem Buch. Lesen Sie die folgenden Kritiken:
WAHR ODER NICHT? Das Buch Remarques ist eine geschickte Federzeichnung aller Kehrseiten des Krieges ... Deutsche Zeitung, Berlin ... all diese Schilderungen sind so wahr und so erschütternd, daß alles noch einmal miterlebt wird ... Kölnische Zeitung Das, was Remarque, erlebte, das haben tausend und aber tausend erlebt, und gerade so . . . Hamburger Fremdenblatt ... daß hier Maulwürfe am Werke sind, die in geschickt getarnter Weise das wahre Kriegserlebnis fälschen . . . Völkischer Beobachter, München . . . die ehemaligen Frontsoldaten erkennen in diesem Buche die erste ganz unkonstruierte und unverbogene Darstellung des Krieges . . . Schwäbische Tagwacht, Stuttgart Dem Buch von Remarque die Wahrheit des Inhalts abzusprechen, ist eine äußerst kühne Anmaßung. Wer selbst im Kriege an der Front war und den ganzen Schlamassel durchgemacht hat, kann nur sagen, so war es tatsächlich. Jenaer Volksblatt. PAZIFISTISCH ? ... dennoch verbirgt sich unter der scheinbar referierenden Wiedergabe die Drachensaat des Pazifismus Hamburger Nachrichten Die Leute, die von dem Buch "Im Westen nichts Neues" eine pazifistische Wirkung erwarteten; haben sich getäuscht. Die Front lebt auf und nicht ein pazifistisches Gefühl. Der Jungdeutsche, Berlin ... Kein pazifistisches Buch! Es trägt nicht zur Verhinderung des Krieges bei: weil es zwar aufzeigt, was ist, nicht aber Stellung nimmt, nicht zur Abwehr aufruft, nicht den Weg zur Tat zeigt. Die Friedenswarte Wer pazifistischer Wegweiser im üblen Sinne des Wortes werden möchte, der verbreite dies Buch ... Jenaische Zeitung Die Stärke von "Im Westen nichts Neues" liegt in der Jugend der heimlichen Melodie dieses Werkes. Diese Melodie ist nicht pazifistisch. Berliner Tageblatt ... einen äußerst geschickt verkleideten Versuch, den wehrhaften Geist des deutschen Volkes zu ertöten ... Österreichische Wehrzeitung, Wien ... Bei Gott, ein pazifistischer Roman ließe sich raffinierter anlegen . . . Hochland, München Das Buch fördert nicht so sehr den Abscheu vor dem Kriege, als es die latent gewordene Kriegslust weckt. Die Welt am Abend, Berlin WIE WAR WAHRES HELDENTUM? Diesem Buch fehlt auf jeder Seite die große Konzeption vom Empfinden des vaterländischen Heroismus, vor dem jeder einzelne nichts war, die Gemeinschaft der Frontsoldaten aber zur gewaltigen Persönlichkeit emporwuchs. Hamburger Nachrichten ... Dieses im wahrsten Sinne heroische Buch gehört in jedes deutsche Haus! Tremonia, Dortmund Die Selbstverständlichkeit der Pflichterfüllung bis in den Tod tritt bei Erich Maria Remarque in den Vordergrund seiner Schilderung ... Der Jungdeutsche, Berlin Das ist der Mut, der sich zur Feigheit bekennt ... Bergisch-Märkische Zeitung, Elberfeld Frontgeist - hier haben wir ihn in seinen besten natürlichen, menschlichsten Art, befreit von jeder Phrase ... Der Altmärker, Stendal Es ist weder Anklage noch Tendenz, wenn der "Heldentod" eine Schilderung seiner Wahrheit erfährt, der Wahrheit von tausendmal Erlebtem. Darmstädter Tagblatt Sie haben alle dasselbe erlebt. So und nicht anders waren die Gespräche unter ihnen. So und nicht anders ihre kleinen und großen Sorgen, so und nicht anders ihre Kameradschaftlichkeit. Essener Anzeiger BELEIDIGEND UND TENDENZIÖS? ... eine grobe Beleidigung des deutschen Heeres und des deutschen Frontsoldaten . . . Bundesblatt des Königin-Luise-Bundes Kein Wort der Anklage, des Aufruhrs, der Hetze. Dies Buch ist kein Leitartikel, sondern ein Bericht ... Gießener Anzeiger . . . wird das Buch vielfach mit der Bemerkung abgetan: "Tendenz, übelste Tendenz". Doch ist die "Tendenz", die aus dem Werke Remarques spricht, weiter nichts als die bitterste Wahrheit ... Danziger Zeitung ANSTÖSSIG? Wenn man es versucht, Herrn Remarque den Absatz seines Latrinenschmökers zu erschweren, dann wollen wir doch nicht darüber klagen ... Coburger Tageblatt ... er ist nicht zimperlich auf die Tanten beiderlei Geschlechts, die von ihm damals erwarteten, daß er auch für die Welt ihrer Sofaschoner rücksichtslos sein Leben einsetzte, kann er keine Rücksicht nehmen, er muß, wenn er das Ganze geben will, auch von Dingen sprechen, von denen man nicht spricht. Seine Bekenntnisse werden Anstoß erregen, wie jede unumwickelte Wahrheit. Württemberger Zeitung, Stuttgart GEFAHR FÜR DIE JUGEND ? Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß dieses Buch eine sittliche Gefahr bedeutet, besonders für unsre heranwachsende Jugend ... Steinfurter Anzeiger Dieser Erich Maria Remarque hat ein Jugendbuch geschrieben, eines der wichtigsten vielleicht, die geschrieben wurden ... Kölner Tageblatt Zum Abschluß geben wir eine Stimme wieder, die Wesen und Wirkung des Buches besonders gut spiegelt: Worin bestellt die geheime Kraft seines Buches? Was macht es einzigartig? ... daß Remarque nicht dem Leser eine fertige Gesinnung Seite für Seite einlöffelt, sondern es ihm überläßt, selbst aus dem Buche Schlüsse zu ziehen: das ist das Geheimnis seiner Wirkung. Remarque hat offenbar mit dem Buch nichts anderes zu tun gewünscht, als sich eine furchtbare Erinnerungslast vom Nacken zu wälzen. So gibt es bei ihm Dinge, die auf verschiedene Menschen ganz verschieden wirken ... Aber so vieldeutig ist das Leben selbst ja auch. Und daß Remarque dieses Leben so gibt, wie er es sah und hatte, daß er einem nicht andauernd den Kopf mit privaten Meinungen verkeilt, sondern die Tatsachen durch sich wirken läßt, das ist der Reiz des Buches. Die Welt am Montag, Berlin "Im Westen nichts Neues" wurde innerhalb von 12 Wochen von 500000 Menschen gekauft! 14 Nationen lassen es in ihre Sprache übersetzen. Bilden Sie sich bitte selbst ein Urteil und lesen Sie das Buch, das im Propyläen-Verlag erschien und für 4 Mark broschiert, für 6 Mark in Ganzleinen überall zu haben ist.
31. Januar. Im Ullstein-Propyläen Verlag Berlin erscheint
der Roman »Im Westen nichts Neues« von Erich Maria Remarque,
der den Weltkrieg aus der Perspektive des einfachen Soldaten,
der von der Schulbank eingezogen worden ist, schildert. Nach dem
Vorabdruck in der »Vossischen Zeitung« (ab 10.11.1928)
ist die Erstauflage des Buchs schon vor Erscheinen vergriffen; es entwickelt sich zum
meistgelesenen Werk der ersten Jahrhunderthälfte. Andere
Verlage, etwa S.Fischer, hatten das Manuskript abgelehnt (Abb.:
Faksimile einer Seite der "Berliner Illustrierten" mit
kontroversen Stellungnahmen zum Antikriegsroman von Remarque).
In: Chronik 1929. Tag für Tag in Wort und Bild. Dortmund: Chronik, 1988. S.25.
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