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Kölner Stadt-Anzeiger 13./14. Juni 1998 - MODERNE ZEITEN

Der Dandy aus dem Schützengraben

Remarque am Auto

Er war Pazifist, Playboy und Flüchtling auf Abruf - einer der schillerndsten Literaten des Jahrhunderts. Sein Bestsellerroman "Im Westen nichts Neues" gilt als Antikriegsbibel. Am 22. Juni wäre Erich Maria Remarque 100 Jahre alt geworden.

Ein Porträt von Markus Schwering

Der Schmachfilm ist verboten! Damit hat die nationalsozialistische Bewegung den Kampf gegen dieses jüdische Sudelwerk auf der ganzen Linie gewonnen. Und zum ersten Mal haben wir in Berlin die Tatsache zu verzeichnen, daß die Asphaltdemokratie in die Knie gezwungen wurde." So bejubelte Joseph Goebbels, damals Berliner Gauleiter der NSDAP, am 12. Dezember 1930 im "Angriff" das Verbot von Im Westen nichts Neues" durch die Filmoberprüfstelle. Er hatte damit nicht einmal unrecht: Auch wenn besagte Stelle das Verbot des USFilms im folgenden Jahr aufhob, dürfen diese Ereignisse mit Fug und Recht als Fanal aufgefaßt werden: Zum ersten Mal waren die republikanischen Behörden vor der anschwellenden braunen Flut spektakulär zurückgewichen - die Agonie der Weimarer Demokratie begann.

Die Berliner SA hatte von sich aus kräftig mitgeholfen, das Verbot herbeizuführen, indem sie die deutsche Uraufführung des Films im Mozartsaal gezielt torpedierte -ganze Kohorten hatten sich mit Eintrittskarten versorgt, ließen während der Vorstellung weiße Mäuse laufen und warfen Stinkbomben. Der Autor des deutschen Romans, nach dem der Film gedreht worden war, zog für sich frühzeitig die Konsequenzen, indem er bereits 1931 in die Schweiz übersiedelte - nach Ronco nahe Ascona am Lago Maggiore, wo er sich eine schmucke Villa gekauft hatte. Goebbels' Emissäre, die ihn mit fadenscheinigen Friedensangeboten ins Reich zurücklocken wollten, überzog er mit grimmigem Spott. "Haben Sie denn gar kein Heimweh?" fragte schließlich verzweifelt einer der ungebetenen Besucher. "Heimweh? Bin ich ein Jude?" – Das war die Antwort von Erich Maria Remarque. Nun waren ach seine Bücher reif für die Scheiterhaufen, auf denen am 10.Mai 1933, die "undeutsche" Literatur in Flammen aufging.

Nein, Remarque, der am 22. Juni 100 Jahre alt geworden wäre, war nicht der Jude, den die Braunen gerne gehabt hätten, sondern katholischer "Arier" aus Osnabrück. Und sein Geburtsname war auch nicht - dies ein Gerücht, das sich bis heute hält - Kramer, sondern Remark. Die französierende, ein weltläufiges Flair stiftende Schreibweise hatte er sich zugelegt - wie gelegentlich einen falschen Adelstitel.

Schon früh rankten sich Legenden um Namen und Gestalt desjenigen, der wie ein Komet am literarischen Himmel der späten Republik erschienen war. Remarque, der sich - nach dem Ersten Welt, in dem er mehrmals verwundet worden war - als Dorfschullehrer, als Public-Relations-Mann einer Kautschukfabrik und Sportreporter durchgeschlagen hatte, schrieb im Herbst 1928 "Im Westen nichts Neues" in sechs Wochen herunter und ging anschließend mit dem Manuskript hausieren. "Um Himmels willen - das will doch kein Mensch wissen" soll der alte Samuel Fischer gebrummt haben, Schließlich erbarmte sich jemand bei Ullstein und brachte das Buch als Vorabdruck in der "Vossischen Zeitung" unter - deren Auflage daraufhin in die Höhe schnellte. Das Buch schließlich wurde in 50 Sprachen übersetzt und brachte es auf eine Gesamtauflage von 20 bis 30 Millionen - der größte literarische Erfolg seit der Bibel.

Heute gilt "Im Westen nichts Neues", jene Geschichte deutscher Kriegsfreiwilliger, die 1914 von der Schulbank weg begeistert ins Feld ziehen und in den Grabenkämpfen der Westfront sinnlos verheizt werden, auch als eine Art Bibel: als Bibel des Pazifismus, als Antikriegsroman schlechthin. So es vom Autor auch gemeint gewesen: "Dieses Buch soll", so heißt es in der Vorrede, "weder Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde - auch wenn sie seinen Granaten entkam."

Dennoch zeigte sich Remarque vom Erfolg dieses Buches, vom leidenschaftlichen Für und Wider von der politischen Debatte, die es entfacht hatte, überrascht. "Daß man pazifistisch oder gegen den Krieg ist, resümmierte er in einem späten Interview, "fand ich, war ganz selbstverständlich. Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, daß es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hineingehen müssen." Als politischen Autor jedenfalls hat Remarque sich jedenfalls damals offenbar nicht verstanden. Von links wurde ihm denn auch -- nicht zu Unrecht -- vorgeworfen, daß der Bestseller keinen Versuch unternehme, die wahren Ursachen des Ersten Weltkrieges aufzudecken. Damit, so die schrille Schlußfolgerung, betätige sich Remarque als Verteidiger dessen, was er bekämpfe. Militarismus light sozusagen.

Im nachhinein ist schwer einzuschätzen, was die zeitgenössischen Leser an dem Buch so fasziniert hat. Denn die generationsspezifische Kriegserfahrung haben auch andere Romane ähnlicher Provenienz aufgearbeitet - Edlef Koeppens "Heeresbericht", Amold Zweigs "Sergeant Grischa", Ernst Glaesers "1902" -, ohne auch nur entfernt an den Publikumserfolg ihres Konkurrenten heranreichen zu können. Indes war es wohl gerade der Verzicht auf avancierte oder gar avantgardistische literarische Techniken, es war die tempo- und ereignisreiche, dabei schonungslos realistische und ohne symbolische Überhöhungen erzählte Story, kurz: die relative Anspruchslosigkeit des Textes, die ihn zum Bestseller prädestinierten.

In der Tat: Remarque ist ein herausragendes Exempel für das generelle Phänomen, daß "richtige" Gesinnung allein noch keine Qualität verbürgt. Die Wahrheit über seine im engeren Sinn literarische Güte enthüllen drastisch die frühen, vor "Im Westen nichts Neues" geschriebenen Romane, die seinerzeit an vergleichsweise abgelegenen Orten publiziert wurden und auch kaum auf Resonanz stießen. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat sie jetzt im Rahmen seiner Bemühungen. zur Jubelfeier für den auflagengewaltigen Starautor wieder zugänglich gemacht.. Unter dokumentarischen Gesichtspunkten ist das Unternehmen nicht geringzuschätzen; indes ist mehr als fraglich, ob man Remarques Ruf damit tatsächlich einen Dienst erweist.

In "Station am Horizont" etwa, 1927 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift "Sport im Bild" erschienen, lernen wir Remarque von einer neuen Seite kennen: Es geht um Autorennen, luxuriöses Leben in Monte Carlo und St. Moritz und einen Playboy - er trägt Züge des Autors - zwischen drei Frauen. Freude an all diesen aufgeputzten Belanglosigkeiten mag beim Leser kaum aufkommen. Und wo sich in herausragender Erzählkunst um Dinge und Gestalten ein Hof von mitschwingenden Bedeutungen legt, da bleibt Remarque eindimensional. Was gemeint ist, wird gesagt, und was gesagt wird, ist gemeint.

All dies wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn sich hier nicht Stileigenschaften zeigten, die sich teilweise auch beim späteren Remarque finden; wenn dieser auch etwa in den 60er Jahren Kurzgeschichten geschrieben hat -"The five Years Diary" zum Beispiel -, die den Leser ob ihrer Dichte und Intensität in Bildlichkeit und Beschreibung am Klischee des bloßen "Unterhaltungsschriftstellers" irre werden lassen.

Verdeckt wurden die genuin künstlerischen Defizite seit "Im Westen nichts Neues" allemal durch den spektakulären zeithistorischen Gehalt seiner Bücher, durch die Sujets Krieg, Exil, Konzentrationslager. Zwar ist Remarques Grundthema nicht eigentlich politisch. Es ist der zähe Überlebenswille, das emphatische "Dennoch", mit dem Menschen sich in Ausnahmesituationen, in existentieller Not, in Todesnähe der anbrandenden Verzweiflung entgegenstemmen. Und immer wieder geht es um die Liebe, die sich in solchen Ausnahmesituationen bewähren muß. Aus dieser Konstellation erblüht jenes süffige Sentiment, das Remarques Romane nach wie vor für breiteste Leserschichten attraktiv macht.

Trotzdem: Es sind die historischen Katastrophen unseres Jahrhunderts, die die spezifische Entfaltung dieses Themas bei Remarque steuern - und insofern ist er eben doch ein eminent politischer Autor, nicht nur ob der Wirkung seiner Bücher. Den Welterfolg von "Im Westen nichts Neues" hat er freilich nur noch einmal erreicht - fast: mit dem 1945 erschienenen Emigrantenroman "Arc de Triomphe", der kurze Zeit später mit Ingrid Bergman verfilmt wurde. Für das Publikum war das mondäne Leben des zwischen Ascona, Paris und New York pendelnden Autors womöglich noch interessanter als es seine Bücher waren - zumal Remarque Interviews haßte, Persönliches selten aus sich herausließ und gerade dadurch für die Klatschspalten der Provinzpresse ein willkommenes Spekulationsobjekt war.

Legendär waren seine auch von Freunden und Bekannten wie Carl Zuckmayer bestätigten Alkoholexzesse. Legendär aber waren vor allem seine Beziehungen zu Frauen. Remarque wurde zum Don Juan stilisiert, seine Affären waren angeblich Legion: Marlene Dietrich nannte ihn in einer Umfrage nach den attraktivsten Männem als Nummer eins; Greta Garbo ließ sich von ihm verwöhnen, und Paulette Goddard, Charly Chaplins dritte Frau, war lange mit ihm befreundet, bevor er sie 1958 heiratete. "Ich habe immer über Frauen nachgedacht", bekannte er einmal. "Und ich konnte mir nie ein Leben ohne Frauen vorstellen. Freilich versuchte ich, Begegnungen in meinen Büchern nachzubilden. Verändert natürlich. Genaue Fotografien erschienen mir taktlos, unerlaubt."

Er war sehr galant, äußerst gepflegt, sah gut aus", erzählte die Schauspielerin Ruth Niehaus, die, von Remarque einmal zum Essen eingeladen worden war, nachdem er sich mit dem entwaffnenden Satz "Remarque. Ich bringe Glück" vorgestellt hatte: "Aber im Gegensatz zu dem feudalen Diner im »Ritz« mußte ich an den armen Grabsteinverkäufer im Schwarzen Obelisk denken, eine Romanfigur, die doch auch er selber war und die ihn mir fast noch besser zu charakterisieren schien als sein Auftreten an diesem Abend. Ein wenig makabrer Humor, eine Traurigkeit umgaben ihn, und gerade das war sein besonderer Charme."

Tatsächlich war das Leben Remarques selbst in den finstersten Tagen der Emigration nicht vergleichbar mit dem seiner geschundenen und gehetzten Figuren. Aber er wußte darum: Der Dandy und Lebemann hat vielen, die nicht aus noch ein wußten, geholfen - mit üppigen Schecks und im Stillen. Else Lasker-Schüler und Theodor Plivier sind nur zwei aus einer langen Reihe, die ihm zu Dank verpflichtet waren.

In Deutschland ist Remarque bis zu seinem Tod 1970 nicht mehr heimisch -geworden. Nicht nur, daß er amerikanischer Staatsbürger blieb und auch seinen Wohnsitz in der Schweiz behielt. Auch im übertragenen Sinn tat sich die Adenauer-Republik schwer mit der Wiedereinbürgerung des einst Verfemten. Der KZ-Roman "Der Funke Leben" (1952) fand nur mit Mühe einen Verleger in der Bundesrepublik - Caspar Witsch traute sich schließlich -, obwohl gerade die antikommunistische Stoßrichtung dieses Buches Remarque eigentlich hätte anschlußfähig machen müssen. Aber das auf Erfolg und Vergessen programmierte Wirtschaftswunderland wollte von seiner Vergangenheit generell nichts wissen.

Bekannte erzählen, daß in späten Jahren neben Remarques Schreibtisch stets ein mittelgroßer gelber Koffer stand. "Vielleicht ein Tick von mir", pflegte er zu sagen. "Aber diesen Koffer brauche ich. Es sind Briefe von Flüchtlingen darin, und es ist ein Koffer, der stets bereit ist, wenn ich wieder einmal plötzlich fort müssen sollte. In Wirklichkeit lebe ich noch immer aus dein Koffer."

Zum 100. Geburtstag von Remarque veröffentlicht Kiepenheuer & Witsch eine fünfbändige Kassette (2400 Seiten, 298 Mark) mit frühen Romanen, Kurzprosa, Gedichten, mit der zweiten Fassung seines letzten Romans ("Schatten im Paradies"), einem Theaterstück und einem Drehbuch sowie Briefen und Tagebüchern. Außerdem erscheint eine Auswahl seiner wichtigsten Romane in einer vierbändigen Taschenbuchkassette (39,90 Mark). Soeben erschien auch die erste umfassende Biografie. Autor: Wilhelm von Sternburg ("Als wäre alles das letzte Mal", 480 Seiten, 49,80 Mark).

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