SEIN THEMA WAR DER KRIEG. Lewis Milestone und ein weitgehend unbekanntes Werk
Galt er in Hollywood als Intellektueller? Es schien so. Anfang der 30er Jahre, als Milestone mit "im Westen nichts Neues" einen überall in den Welt für Aufsehen sorgenden, außerordentlich erfolgreichen Film geschaffen hatte, als er bereits auf zwei Regie-"Oscars" verweisen konnte, behauptete Dwight MacDonald in seinen "Notes on Hollywood Directors", daß in Hollywood über Lewis Milestone die Geschichte kursiere, er lese Bücher! Was für ein Phänomen in der kalifornischen Traumfabrik. Ob es sich tatsächlich so verhielt oder ob dies nur damit zusammenhing, das "Im Westen nichts Neues" einen Bestseller-Roman als Ausgangsbasis hatte, wird nicht mehr zu klären sein. Es scheint, als handele es sich bei Milestone in unserem Bewußtsein um den Regisseur eines Films. Nur ganz am Rande tauchen in den Filmgeschichten Bemerkungen über diesen Regisseur auf, über seine in den Jahren 1925 bis 1962 gedrehten Filme, Milestone, der Mann eines Films, der sich ansonsten in allen Bereichen tummelte, die Hollywood anzubieten hatte und der dennoch selten über das Mittelmaß hinauskam; Milestone, der Intellektuelle, der letzten Endes in der Traumfabrik gescheitert ist? Allein schon die Biografie des Lewis Milestone steckt voller Geheimnisse. Am 30. September 1895, im Geburtsjahr des Kinos also, in der russischen Hafenstadt Odessa als Lew Milstejn geboren, soll er von seinem Vater, einem vermögenden Unternehmer, zur Ingenieur-Ausbildung in das deutsche Mittweida (Sachsen) und nach Gent geschickt worden sein. Die Legende will wissen, daß er 1913, im Alter von 18 Jahren - gegen den Willen des Vaters - alles hinwarf, die Ausbildung abbrach und sich in die Neue Welt aufmachte. Es scheint, als wenn Milestone in jenen Jahren bereits eine Menge von den Erfahrungen "gesammelt" hat, die ihm viele Jahre später bei der Produktion seines erfolgreichsten Films von Nutzen waren. Das für die Remarque-Adaption nötige deutsche Milieu lernte er im sächsischen Mittweida kennen. Und das Grauen des Krieges erfuhr der junge russische Jude "vor Ort": in den Reihen des Signal Corps der US Army in Frankreich. Er war Assistent des Kameramannes Lucien Andriot, der die Tätigkeit des Medical Corps festhielt. Milestone schätzte seine damaligen Aufgaben später in einem Gespräch mit Kevin Brownlow, Autor des Buches "The War, the West and the Wilderness" als nicht allzu bedeutsam ein: "Meine ganze Arbeit bestand darin, für ihn (Andriot) die Kamera zu schleppen." FILME FÜR HOWARD HUGHES Nach dem Krieg fand Milestone recht schnell den Kontakt zur Filmindustrie. Er arbeitete als Regieassistent, vor allem als Cutter für verschiedene Studios. Für 20 Dollar die Woche soll er Komödien eines Milton Seiter geschnitten haben. Henry King, Thomas Harper Ince und Mack Sennett waren Regisseure und Produzenten, die sich der Dienste von Milestone bedienten. 1924 erhielt dieser dann von Warner Bros. seinen ersten Regievertrag, arbeitete an verschiedenen, heute unbekannten Filmen, wurde auch an andere Studios ausgeliehen und ging schließlich zu Howard Hughes, dem geheimnisvollen, ehrgeizigen jungen RKO-Produzenten. Für Hughes drehte er zwei Filme, welche aufhorchen ließen: Für die turbulente Militärkomödie "Two Arabian Knights" (in den deutschem Kinos: "Schlachtenbummler") erhielt er 1928 sogar den ersten Regie-"Oscar", der je vergeben wurde. Und sein Gangsterdrama "The Racket" wurde im selben Jahr als beste Produktion des Jahres nominiert (verlor jedoch gegen William A. Wellmans Fliegerfilm "Wings"). Von "The Racket" wird gesagt, daß der Realismus dieses Films bei der Beschreibung des Kampfes der Polizei gegen ein mächtiges Gangstersyndikat Maßstäbe setzte, die Anfang der 30er Jahre bei Warner Bros. weitergeführt werden konnten. Und dann kaufte "Papa" Laemmle, der deutsch-jüdische Produzent aus Laupheim und Gründer des Universal-Studios, die Rechte an dem deutschen Roman "Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque und suchte dafür einen Regisseur. Ursprünglich war der Ungar Pal Fejos im Gespräch, später Herbert Brenon (wegen seines Erfolgsfilms "Beau Geste"). Schließlich verpflichtete Laemmle Milestone. Sein europäischer Background und die vorausgegangenen Filme schienen dem Studio Garantie für dieses ungewöhnliche Unternehmen zu sein. Sie hatten sich nicht getäuscht: Die Rechnung ging auf. Innerhalb kurzer Zeit drehte Lewis Milestone diesen ungemein aufwendigen Film. Milestone nutzte die moderne Universal-Technik (beispielsweise einen von Fejos entwickelten Kamera-Kran für die Schlachtszenen) und die Talente vieler Mitarbeiter. Vom Broadway kamen Maxwell Anderson und George Abbott (die das Drehbuch schrieben) sowie George Cukor (der für die Dialoge verantwortlich war). Die Idee für die großartige Finalszene (eine Hand greift nach einem Schmetterling) kam von einem deutschen Kameramann, der in Hollywood vor seiner zweiten Karriere stand: Karl Freund. Milestone soll an diesem Film wochenlang täglich 24 Stunden gearbeitet haben. Er übernachtete häufig in seinem Auto und trat einmal frühmorgens um drei Uhr im Schneideraum einen einsamen dicken Mann: Paul Whitman, der Bandleader, überprüfte den Schnitt seines Films "King of Jazz". VIELE PROJEKTE UND PLÄNE Als der Film dann herauskam, stand der Regisseur eigenartigerweise im Schatten der Aufmerksamkeit. Vor allem in Deutschland war es der Rernarque-Film, mit dem sich die Parlamente und Leitartikel-Schreiber befaßten. Auch Carl Laemmle wurde als Schöpfer dieses Films bemüht. Selten erwähnte man den Regisseur. In Hollywood wußte man es besser. Milestone bekam seinen zweiten Regie-"Oscar" (sowie den Preis für die beste Produktion des Jahres) und er hatte vorerst über fehlende Aufträge nicht zu klagen. Doch was hätte er nach solch einem spektakulären Erfolg drehen können? Milestone ging zu United Artists und verfilmte einen Broadway-Erfolg, das Bühnenstück "The Front Page", eine achtbare Arbeit, die wiederum als beste Produktion des Jahres für den "Oscar" nominiert wurde (und Milestone für den Regie-"Oscar"). Doch die folgenden Arbeiten - das immer wieder verfilmte Stück von Somerset Maugham "Rain" (mit Joan Crawford und Walter Huston) und vor allem das Vehikel für den Musical-Star Al Jolson "Hallelujah, I'm a Burn" - waren mehr oder weniger Katastrophen. Auch "The General Died at Dawn" (1936), ein Thriller im exotischen China-Milieu auf den Spuren von Sternbergs "Shanghai Express" mit Gary Cooper bewies nur, daß Milestone sich in den 30er Jahren an vielem versuchte, doch das Niveau seiner Remarque-Adaption nie wieder erreichte. Das Cole-Porter-Musical "Anything Goes" (mit Bing Crosby) bestätigte das Bild nur. Die amerikanische Fachpresse beschäftigten in den 30er Jahren verschiedene Projekte Milestones, neue Produktionsfirmen zu gründen, Kooperationspläne mit den Großen der Epoche, mit Vidor, Sternberg, Lubitsch. Doch heraus kam wenig. Milstone blieb in der dritten Reihe. Die Regisseure mit Profil, die das Bild der 30er Jahre bestimmten, waren Vidor, Lubitsch, Sternberg, Capra, John Ford, nicht Milestone. Als der zweite große Krieg begann, schien sich der Regisseur als der engagierte Linke, als intellektueller Mann, der "Bücher liest", zu bestätigen. Er verfilmte für Hal Roach John Steinbecks "Of Mice and Men" und arbeitete zusammen mit Joris Ivens an "Our Russian Front", einer Kompilation von sowjetischem Dokumentarmaterial. Milestone engagierte sich - u.a. zusammen mit Chaplin - für die schnelle Errichtung einer zweiten Front in Europa, und drehte 1943 für Samuel Goldwyn den Spielfilm "The North Star" - nach einem Drehbuch von Lillian Hellman und mit der Musik von Aaron Copland -, eine heute wegen ihres Pathos nur noch schwer erträgliche Schilderung des Leidens der Bevölkerung eines russischen Dorfes unter deutscher Besatzung. "AMERIKANISCHER EISENSTEIN" Milestone, der in Odessa Geborene, schien zeit seines Lebens eine enge Verbindung zu seiner Heimat gehabt zu haben. Man sagt ihm nach, daß "im Westen nichts Neues" deutlich von den großen "Russenfilmen" der 20er Jahre beeinflußt worden sei. Und der scharfzüngige Dwight Mac Donald vergleicht den Remarque-Film mit Dowshenkos Film "Arsenal" und kommt dabei zu einer gar nicht freundlichen Einschätzung des Milestone-Films. Dreißig Jahre später, Mitte der 60er Jahre, bewertete Andrew Sarris in der Zeitschrift "Film Culture" Milestone ähnlich prononciert kritisch: "Ein Formalist der Linken, wurde Milestone nach 'All Quiet on the Western Front' und 'The Front Page' als amerikanischer Eisenstein verehrt. Es ist natürlich möglich, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich, daß selbst Eisenstein schließlich bei der Inszenierung von 'Ocean's Eleven' gelandet wäre, wenn er in Hollywood geblieben wäre. Man denke nur an die vielen Möglichkeiten dialektischer Montage in Las Vegas! Wo anders tritt die nackte Struktur des Kapitalismus als visuelle Verzierung so deutlich hervor wie in Las Vegas?" Milestone jedenfalls landete in Las Vegas. 1960 drehte er dort mit Frank Sinatra und Dean Martin die Gaunerkomödie "Ocean's Eleven" ("Frankie und seine Spießgesellen"). Ein Jahr danach war das Remake von "Meuterei auf der Bounty" sein Schwanengesang. Der Krieg war sein Thema. Immer wieder kehrte er zu diesem Thema zurück, zeigt an den verschiedenen Schauplätzen die Brutalität und Grausamkeit des Krieges: den Kampf norwegischer Fischer gegen die deutschen Okkupanten - "Aufstand in Trollness", Italien nach der Befreiung durch die Amerikaner "Landung in Salerno", eine japanische Insel unter amerikanischer Besatzung - "Okinawa". Noch einmal versuchte Milestone an seinen größten Erfolg anzuknüpfen: 1948 griff er wieder zu einem Buch Erich Maria Remarques und verfilmte mit Charles Boyer und Ingrid Bergman in den Hauptrollen "Triumphbogen", ein Melodram aus dem Paris kurz vor Ausbruch des Zweiten Welkriegs. Ein Hauch von "Casablanca", der einmal mehr zu beweisen schien, daß das Melodram nicht das Terrain Lewis Milestones war. Milestone, der Regisseur nur eines großen Films? Die vorurteilslose Beschäftigung mit seinem gesamten Werk könnte lohnend sein. Lewis Milestone, der am 30.September 100 Jahre alt geworden wäre, starb am 25.September 1980 in Amerika.
Textnachweis: Hanisch, Michael: Sein Thema war der Krieg. Lewis Milestone und sein weitgehend unbekanntes Werk. In: film-dienst 20/95. |