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Nacht an der Front
von F.Scheinpflug (eigentl. Erich Maria Remarque)
Das Auto bringt uns nach vorn. Ein dürftiger Wald nimmt uns
auf. Wir passieren Gulaschkanonen1; hinter dem Wald steigen wir
ab. Die Wagen fahren zurück. Sie sollen uns morgen vor dem
Hellwerden wieder abholen.
Nebel und Geschützrauch stehen in Brusthöhe über
den Wiesen. Der Mond scheint darauf. Auf der Straße ziehen
Truppen. Die Stahlhelme schimmern mit matten Reflexen im Mondlicht.
Die Köpfe und die Gewehre ragen aus dem weißen Nebel;
nickende Köpfe, schwankende Gewehrläufe.
[Weiter vorn hört der Nebel auf. Die Köpfe werden hier
zu Gestalten; - Röcke, Hosen und Stiefel kommen aus dem Nebel
wie aus einem Milchteich. Sie formieren sich zur Kolonne. Die
Kolonne marschiert, geradeaus, die Gestalten schließen sich
zu einem Keil, man erkennt die einzelnen nicht mehr, nur ein dunkler
Keil schiebt sich nach vorn, sonderbar ergänzt aus den im
Nebelteich heranschwimmenden Köpfen und Gewehren. Eine Kolonne
- keine Menschen.]
Auf einer Querstraße fahren leichte Geschütze und Munitionswagen2
heran. Die Pferde haben glänzende Rücken im Mondschein,
ihre Bewegungen sind schön, sie werfen die Köpfe, man
sieht die Augen blitzen. Die Geschütze und Wagen gleiten
vor dem verschwimmenden Hintergrund der Mondlandschaft vorüber,
die Reiter mit ihren Stahlhelmen sehen aus wie Ritter einer vergangenen
Zeit, es ist irgendwie schön und ergreifend.
Wir streben dem Pionierpark zu. Ein Teil von uns ladet sich gebogene,
spitze Eisenstäbe auf die Schultern, der andere steckt glatte
Eisenstöcke durch Drahtrollen3 und zieht damit ab. Die Lasten
sind unbequem und schwer.
Das Terrain wird zerrissener. Von vorn kommen Meldungen durch
- »Achtung, links tiefer Granattrichter« - »Vorsicht,
Graben« -
Unsere Augen sind angespannt, unsere Füße und Stöcke
fühlen vor, ehe sie die Last des Körpers empfangen.
Mit einmal hält der Zug; - man prallt mit dem Gesicht gegen
die Drahtrolle des Vordermannes und schimpft.
Einige zerschossene Wagen sind im Wege. Ein neuer Befehl. »Zigaretten
und Pfeifen aus.« - Wir sind dicht an den Gräben.
Es ist inzwischen ganz dunkel geworden. Wir umgehen ein Wäldchen
und haben dann den Frontabschnitt vor uns.
Eine ungewisse, rötliche Helle steht am Horizont von einem
Ende zum andern. Sie ist in ständiger Bewegung, durchzuckt
vom Mündungsfeuer der Batterien. Leuchtkugeln steigen darüber
hoch, silberne und rote Bälle, die zerplatzen und in weißen,
grünen und roten Sternen niederregnen. Französische
Raketen schießen auf, die in der Luft einen Seidenschirm
entfalten und ganz langsam niederschweben. Sie erleuchten alles
taghell, bis zu uns dringt ihr Schein, wir sehen unsere Schatten
scharf am Boden. Minutenlang schweben sie, ehe sie ausgebrannt
sind. Sofort steigen neue hoch, Überall, und dazwischen wieder
die grünen, roten und blauen.
[»Schlamassel«, sagt Kat.]
Karl pfeift durch die Zähne. Ich weiß, was das heißen
soll.
Das Gewitter der Geschütze verstärkt sich zu einem einzigen
dumpfen Dröhnen und zerfällt dann wieder in Gruppeneinschläge.
Die trockenen Salven der Maschinengewehre knarren. Über uns
ist die Luft erfüllt von unsichtbarem Jagen, Heulen, Pfeifen
und Zischen. Es sind kleinere Geschosse; - dazwischen orgeln aber
auch die großen Kohlenkästen4, die ganz schweren Brocken
durch die Nacht und landen weit hinter uns. Sie haben einen röhrenden,
heiseren, entfernten Ruf, wie Hirsche in der Brunft, und ziehen
hoch über dem Geheul und Gepfeife der kleineren Geschosse
ihre Bahn.
*
[Die Scheinwerfer beginnen den schwarzen Himmel abzusuchen. Sie
rutschen darüber hin wie riesige, am Ende dünner werdende
Lineale. Einer steht still und zittert nur wenig. Sofort ist ein
zweiter bei ihm, sie kreuzen sich, ein schwarzes Insekt ist zwischen
ihnen und versucht zu entkommen: der Flieger. Er wird unsicher,
geblendet und taumelt.]
Wir rammen die Eisenpfähle in regelmäßigen Abständen
fest. Immer zwei Mann halten eine Rolle, die andern spulen den
Stacheldraht ab. Es ist der ekelhafte Draht mit den dichtstehenden,
langen Stacheln. Ich bin das Abrollen nicht mehr gewöhnt
und reiße mir die Hand auf.
Nach einigen Stunden sind wir fertig. Aber wir haben noch Zeit,
bis die Lastwagen kommen. Die meisten von uns legen sich hin und
schlafen. Ich versuche es auch. Doch es wird zu kühl. Man
merkt, daß wir nahe am Meere sind, man wacht vor Kälte
immer wieder auf.
Einmal schlafe ich fest. Als ich plötzlich mit einem Ruck
hochfliege, weiß ich nicht, wo ich bin. Ich sehe die Sterne,
ich sehe die Raketen und habe einen Augenblick den Eindruck, auf
einem Fest im Garten eingeschlafen zu sein. Ich weiß nicht,
ob es Morgen oder Abend ist, ich liege in der bleichen Wiege der
Dämmerung und warte und warte auf weiche Worte, die kommen
müssen, weich und geborgen - weine ich? Ich fasse nach meinen
Augen, es ist so wunderlich, bin ich ein Kind? Sanfte Haut; -
nur eine Sekunde währt es, dann erkenne ich die Silhouette
[Katczinsys] Karls. Er sitzt ruhig, der alte Soldat, und raucht
eine Pfeife, eine Deckelpfeife natürlich. Als er bemerkt,
daß ich wach bin, sagt er [nur]: »Du bist schön
zusammengefahren. Es war nur ein Zünder, er ist da ins Gebüsch
gesaust.«
[Ich setze mich hoch, ich fühle mich sonderbar allein. Es
ist gut, daß Kat da ist. Er sieht gedankenvoll zur Front
und sagt: »Ganz schönes Feuerwerk, wenn's nicht so gefährlich
wäre. «
Hinter uns schlägt es ein. Ein paar Rekruten fahren erschreckt
auf. Nach ein paar Minuten funkt es wieder herüber, näher
als vorher. Kat klopft seine Pfeife aus. »Es gibt Zunder.«
Schon geht es los. Wir kriechen weg, so gut es in der Eile geht.
Der nächste Schuß sitzt bereits zwischen uns. Ein paar
Leute schreien. Am Horizont steigen grüne Raketen auf. Der
Dreck fliegt hoch, Splitter surren. Man hört sie noch aufklatschen,
wenn der Lärm der Einschläge längst wieder verstummt
ist.]
Neben uns liegt ein verängstigter Rekrut, ein Flachskopf.
Er hat [das Gesicht] den Kopf in die Hände gepreßt,
sein Helm ist weggepurzelt. [Ich fische ihn heran und will ihn
auf seinen Schädel stülpen. Er sieht auf, stößt
den Helm fort und kriecht wie ein Kind mit dem Kopf unter meinen
Arm, dicht an meine Brust. Die schmalen Schultern zucken. Schultern,
wie Kemmerich sie hatte.
Ich lasse ihn gewähren. Damit der Helm aber wenigstens zu
etwas nutze ist, packe ich ihn auf seinen Hintern, nicht aus Blödsinn,
sondern aus Überlegung, denn das ist der höchste Fleck.
Wenn da zwar auch dickes Fleisch sitzt, Schüsse hinein sind
doch verflucht schmerzhaft, außerdem muß man monatelang
im Lazarett auf dem Bauch liegen und nachher ziemlich sicher hinken.]
Ich stülpe ihn ihm wieder auf. "Na, na."
Irgendwo hat es mächtig eingehauen. Man hört Schreien
zwischen den Einschlägen.
Endlich wird es ruhig. Das Feuer ist über uns hinweggefegt
und liegt nun auf den letzten Reservegräben. Wir riskieren
einen Blick. Rote Raketen flattern am Himmel. Wahrscheinlich kommt
ein Angriff.
Bei uns bleibt es ruhig. Ich setze mich auf und rüttele den
Rekruten an der Schulter. »Vorbei, Kleiner! Ist noch mal
gut gegangen.«
Worterklärungen:
1 "Gulaschkanonen" = Soldatenjargon für Feldküchen auf Rädern, die im Kriege zur Verpflegung der Frontsoldaten eingesetzt wurden. Das Abzugsrohr ähnelte einer Kanone. Zum entsprechenden Filmfoto hier klicken.
2 "leichte Geschütze und Munitionswagen" = An der Front waren im unwegsamen Gelände Pferde als Zugtiere für Geschütze und Munitionswagen besser geeignet als störanfällige Autos. 6 Pferde zogen ein leichtes Geschütz.
Zum entsprechenden Foto hier klicken.
3 "glatte Eisenstöcke durch Drahtrollen" = Zum entsprechenden Filmfoto hier klicken.
4 "die großen Kohlenkästen" = Haubitzen und Granaten. Siehe hierzu das Foto: Hier klicken.
Textnachweis:
Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues.
Roman. Mit Materialien und einem Nachwort von Tilman Westphalen.
Köln, KIWI 141, 1987f. S.55-60.
Scheinpflug, F.: Nacht an der Front. In: "Angriff".
Berlin. 7.5.1931.
Anmerkungen:
Um einen Vergleich mit dem Originaltext Remarques zu ermöglichen, habe ich die weggelassenen
Textpartien des Originals mitaufgenommen, sie in eckige Klammern gesetzt und rot markiert.
Blau habe ich diejenigen Textpartien markiert, die zur Tarnung des Textes von unbekannter Hand eingeschmuggelt worden sind.
Texterklärungen:
Da der Text kaum Zeit- und Ortsangaben enthält, sind von mir wichtige Anspielungen markiert
und mit Querverweisen versehen worden. Sie enthalten Hintergrundinformationen
über den 1.Weltkrieg an der Westfront in Text und Bild.
Kritische Internet-Anmerkung - Betrifft Multimedia-Texte im Internet:
Längere optische und akustische Ereignisse lassen sich zur Zeit im Internet wegen der Größe der Dateien nicht aufrufen.
Deshalb kann man die Filmausschnitte über die Bedeutung der Zugpferde im 1.Weltkrieg im Internet nicht zeigen (Video-Mitschnitt, ZDF-Dokumentation zum 1.Weltkrieg, 30. August 1997, Größe der Datei: 14 sec. = 5,5 MB!).
Ein direkter Vergleich der Kriegsgeschichte mit der entsprechenden Filmepisode aus dem amerikanischen Spielfilm "Im Westen nichts Neues" ("All quiet on the western front"). Regie: Lewis Milestone (1929/30)
ist im Internet wegen der Größe der Datei (4,29 min = 108 MB!) nicht möglich.
Peter Dörp
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