go back Kölner Stadt-Anzeiger, Mittwoch, 10. März 1999

Wehrmachtsausstellung

Empörung nach Sprengstoffanschlag

Täter in rechtsextremer Szene gesucht - Reemtsma ermahnt Politik

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Saarbrücken - Ein Sprengstoffanschlag auf die umstrittene Ausstellung ober Verbrechen der Wehrmacht ist am Dienstag einhellig als krimineller Akt verurteilt worden. Durch den Anschlag, bei dem keine Menschen verletzt wurden, entstand nach ersten Schätzungen ein Sachschaden von mehreren hunderttausend Mark. Der Sprengsatz detonierte an der Außenmauer der Saarbrücker Volkshochschule, in der die Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" derzeit gezeigt wird. Der Polizei lagen zunächst keine konkreten Hinweise auf die Urheber des Anschlags vor. Die Täter würden aber in der rechtsextremen Szene vermutet, sagte ein Polizeisprecher.

Die, Ausstellung wurde vom Hamburger Institut für Sozialforschung konzipiert und ist bei ihrem Weg durch die Bundesrepublik immer wieder Anlaß kontroverser Debatten gewesen. Der Historiker und Vorstand des Instituts, Jan Philipp Reemtsma, forderte gestern eine klare Abgrenzung der Parteienvertreter gegen rechts. Wo Politiker diese vermissen ließen, "haben sich Extremisten zu Ausschreitungen ermuntert gefühlt".

Saar-Innenminister Friedel Läpple (SPD) sprach von einer "Bombe gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik". Der saarländische Ministerpräsident und Schirmherr der Ausstellung, Reinhard Klimmt (SPD), sprach sich für eine schnellstmögliche Fortführung der Ausstellung aus. Nächste Station der Ausstellung wird im April Köln sein. Der rechtspolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen in Bonn, Volker Beck, rief den saarländischen CDU-Chef Peter Müller dazu auf, das Attentat als Anschlag auf die Demokratie zu verurteilen. Müller ist in die Kritik geraten, nachdem er sich am Montag hinter eine Zeitungsanzeige von Parteifreunden gestellt hatte, wonach die "unglaublich einseitige Ausstellung" die Vaterlandsliebe von Deutschen systematisch zerstören wolle. Müller nannte gestern den Anschlag die "kriminelle Tat eines Wahnsinnigen".
(dpa, rtr)

Tagesthema auf Seite Zwei

TAGESTHEMA

Der Streit um die Wehrmachtsausstellung eskaliert - die erste Explosion

"Das waren keine Anfänger"

Polizei sucht Attentäter in der rechtsextremen Szene

Von Michael Kuderna

Saarbrücken - Zerbrochene Fensterscheiben,; verrußte Mauern, heruntergerissene Dachrinnen, zerborstene Holzteile, Glassplitter - - auch Stunden nach dem Anschlag auf die Wehrmachtsausstellung in Saatbrücken zeugten die Spuren von der Wucht der Explosion. "Das waren keine Anfänger", sagte ein Mitarbeiter des saarländischen Landeskriminalamtes.

Die Detonation am Dienstag kurz vor fünf Uhr morgens hatte eine derartige Wucht, daß sie noch in Außenbezirken der Stadt zu hören war.

Noch zehn Minuten vor der Explosion hatte eine Polizeistreife nichts Verdächtiges bemerkt. Der Ausstellungsort - das Zentrum der Volkshochschule neben dem Saarbrücker Schloß - war stündlich dreimal kontrolliert worden. Die Baubehörde kündigte eine Prüfung an, ob die Statik; des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes aus den 50er Jahren etwas abbekommen hat. Schon der erste Eindruck spricht allerdings für einen Millionenschaden.

Die Stellwände der Ausstellung wurden dagegen kaum beschädigt, erklärte Michael Klein, Sprecher des Landeskriminalamtes. Deshalb sind die Veranstalter fest entschlossen, die Fotoschau so bald wie möglich wieder zu eröffnen. "Sonst hätten die Attentäter das erreicht, was sie wollten", sagte eine Mitarbeiterin der Volkshochschule.

Die Brand-Experten der Polizei konnten zunächst am Dienstag die Ursache der Explosion nicht klären. Außer einem Elektrokabel, fanden sie nichts Verdächtiges. Möglicherweise, erklärte ein Polizeibeamter, kamen die Attentäter, die in der rechtsextremistischen Szene vermutet werden über eine Treppe auf das nahe der Saar gelegene Schloßplateau. "Den Opfern zum Gedenken. Und zur Mahnung. Nie wieder Faschismus", steht auf dem Gedenkstein an den oberen Stufen der Treppe. Derartige Warnungen

konnten aber nicht verhindern, daß sich die Diskussion um die Darstellung von Verbrechen der Wehrmacht im Osten Europas in den letzten Tagen immer mehr erhitzt hatte.

Die Ausstellung hatte schon an den 30 vorhergehenden Stationen immer wieder für Auseinandersetzungen bis hin zu gewalttätigen Demonstrationen gesorgt. In Saarbrücken machten rechtsextremistische und konservative Kreise über Wochen mit Hunderten Leserbriefen Stimmung gegen die Fotoschau. Erst am Tag vor dem Anschlag stellte sich CDU-Länderchef Peter Müller hinter eine umstrittene Anzeige von Parteifreunden, wonach die "unglaublich einseitige Ausstellung" "Nationalgefühl und Vaterlandsliebe" der Deutschen systematisch zerstören

wolle. Müller forderte Ministerpräsident Reinhard Klimmt (SPD) auf, die Schirmherrschaft über die Ausstellung aufzugeben. SPD und Grüne sprachen von Wahlkampfgetöse und einer "pauschalen Verunglimpfung" der Ausstellung, die bewußt nur einen geschichtlichen Ausschnitt - nämlich den Vernichtungskrieg im Osten - zeigen wolle. Etwa 9000 Menschen hatten sich in Saarbrücken in den zwei Wochen seit der Eröffnung selbst ein Bild gemacht, 250 Schulen hatten sich angemeldet. Doch am Dienstag machten die Attentäter mit dieser Möglichkeit vorerst Schluß.

Da die Stellwände noch weitgehend intakt sind, ist zumindest die nächste Station nicht gefährdet. Im April soll die Wehrmachtsausstellung in Köln eröffnet werden, (ap)

Bilder einer Ausstellung

Mehr als 700 000 Menschen in Deutschland und Österreich haben bisher die umstrittene Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 gesehen. Die Schau beschränkt sich auf die Schauplätze Ukraine, Weißrußland und Serbien. Unter anderem sind Kriegstagebücher der Divisionen, Befehle der Wehrmachtsführung, Feldpostbriefe und Amateurfotografien einfacher Soldaten zu sehen. Sie zeigen Galgen, Massenerschießungen, Leichenberge.

Zusammengetragen hat das Material eine Arbeitsgruppe des privaten Instituts für Sozialforschung unter Leitung des Wissenschaftlers Hannes Heer. Gründer und Finanzier der Forschungseinrichtung mit etwa 60 Mitarbeitern ist der Hamburger Historiker und Mäzen Jan Philipp Reemtsma.

Das Echo war oft geteilt. Während Befürworter die kritische Sicht auf Wehrmacht und ihre Rolle als Instrument des Nazi-Regimes lobten, warfen Gegner den Initiatoren eine Verunglimpfung der deutschen Armee und deren Soldaten vor. Grund für die Kontroverse ist ein neuer Blick auf die deutsche Vergangenheit.

Nach Meinung der Ausstellungsmacher räumen die Bilder und Dokumente mit der Auffassung auf, die Wehrmacht und deren Angehörige hätten weitgehend Distanz zum Nazi-Regime gehalten und nur ihre "soldatische Pflicht" getan. Bewiesen sei nun, daß die Armee unter dem Oberbefehl Hitlers an den Kriegsverbrechen "aktiv und als Gesamtorganisation" beteiligt war und auch die Judenvernichtung unterstützt habe. Dies heiße aber nicht, daß jeder Wehrmachtssoldat ein Verbrecher gewesen sei.

Eine für das Ausland erarbeitete Version soll von November an in den USA und Kanada auf Tournee gehen. Auch Länder der früheren Sowjetunion, Italien und die Niederlande haben Interesse angemeldet, (dpa)

WEG DER GEWALT

Die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" wurde von Beginn an von Kontroversen und gewaltsamen Protesten begleitet:

5. März 1995: Die Wehrmachtsausstellung öffnet in Hamburg erstmals ihre Pforten. Nächste Stationen sind Berlin und Potsdam.

10. September 1995: In seiner Eröffnungsrede im Stuttgarter DGB-Haus nimmt der SPD-Politiker Erhard Eppler die deutschen Ostfront-Soldaten vor pauschaler Verurteilung als Verbrecher in Schutz.

9. Juni 1996: Am letzten Tag der Wehrmachtsausstellung in Erfurt nimmt die Polizei zwei Männer wegen eines Sprühanschlags fest. Sie hatten das Wort "Lüge" auf die Ausstellungstafeln gesprüht. Aus der rechtsradikalen Szene waren zuvor Anschlagsdrohungen gegen die Fotoschau eingegangen.

26. September 1996: Das Amtsgericht Erfurt verurteilt den Altnazi Manfred Röder wegen Sachbeschädigung im Zusammenhang mit der Schau zu 4500 Mark Geldstrafe.

24. Februar 1997: Begleitet von Protesten eröffnet ' der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) die Wehrmachtsausstellung in der bayerischen Landeshauptstadt. Die CSU boykottiert die Eröffnungsveranstaltung. Im März kommt es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen 4500 Neonazis und 8000 Gegendemonstranten.

13. März 1997: Der deutsche Bundestag debattiert über die Wehrmachtsausstellung.

13. April 1997: Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, eröffnet die Wehrmachtsausstellung in der Frankfurter Paulskirche. CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth und der damalige Verteidigungsminister Volker Ruhe (CDU) bleiben der Veranstaltung trotz Einladung fern.

18. Januar 1998: Nur unter massivem Polizeischutz kann die Auftaktveranstaltung zur Eröffnung der Wehrmachtsausstellung in Dresden stattfinden. Tage später kommt es zu einer Massenschlägerei zwischen Rechts- und Linksradikalen. Im Juni wiederholt sich dies in Kassel.

24. Oktober 1998: Während einer Demonstration der rechtsextremistischen NPD gegen die Ausstellung kommt es in Bonn zu Zusammenstößen mit der Polizei.

18. November 1998: Zehn Tage nach Eröffnung im Hannoveraner Rathaus wird dort ein Gefäß mit übelriechender Buttersäure abgestellt. Mit einem massiven Aufgebot verhindert die Polizei größere Ausschreitungen zwischen Teilnehmern von NPD-Kundgebungen und Gegendemonstranten.

1. Februar 1999: Sachschaden in Höhe von mehreren 100 000 Mark entsteht bei den Krawallen wahrend einer Demonstration der NPD-Jugend gegen die Wehrmachtsausstellung in Kiel.

9. März 1999: Auf die Saarbrücker Volkshochschule, in der die Ausstellung untergebracht ist, wird ein Sprengstoffanschlag verübt. (dpa)

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