Denotation und Konnotation
Nahezu jeder Versuch, die
Filmsprache systematisch zu gliedern und präzise zu beschreiben, bedient sich
sprachwissenschaftlicher, häufig auch semiotischer Begriffe, was sicherlich mit
den Parallelen, Überschneidungen und Entsprechungen von Bild- und Wortsprache
zu tun hat. Zwar wird es meist abgelehnt, von einer Filmgrammatik zu
sprechen, aber die Beschäftigung mit der „Syntax des Films" nimmt breiten
Raum ein, weil hier die systematische Anordnung der Filmteile, ihr Aufbau, ihre
Verknüpfung beschrieben werden können.
Aber so häufig auch
linguistische Kategorien in die Filmanalyse einfließen - bei genauerer Betrachtung
wird schnell deutlich, daß der Film „keine Sprache", aber „wie eine
Sprache" (Monaco) ist, so daß zwar linguistische Annäherungen häufig
sinnvoll sind, aber die Anwendung streng linguistischer Konzepte (sowie streng
rhetorischer Methoden) führt schon bald nicht weiter. Daher wurde in den 60er
Jahren ein allgemeiner zeichentheoretischer, semiotischer Ansatz herangezogen,
der die einzelnen „Sprachen" (Sprache, Film usw.) als
Kommunikationssysteme begreift, die strukturelle Übereinstimmungen, aber auch
Differenzen zeigen. Von hier aus läßt sich die Filmsprache dann auch sinnvoll
in die Bereiche „Zeichen" und „Syntax" gliedern.
Denotation
Spätestens seit dem Aufsatz
„Probleme der Denotation im Spielfilm" des französischen Filmtheoretikers
Christian Metz ist das Begriffspaar Denotation/Konnotation auch in der
Filmanalyse unvermeidbar.
Denotation heißt
erst einmal ganz einfach formuliert: Die mit dem Zeichen (Wort, Bild) gemeinte
Sachbezeichnung, die direkte, unmittelbare Bedeutung eines Wortes, Satzes oder
Textes.
Konnotation geht
über diesen unmittelbaren Zusammenhang hinaus und bezeichnet das darüber
hinaus Mitgemeinte, die zusätzlichen Bedeutungen eines Wortes, Satzes oder
Textes.
In viel stärkerem Maße als
das Wort hat das Filmbild wie auch der Filmton eine denotative Bedeutung.
Diese kommt durch die Analogie von signifiant (das Bezeichnende) und signifié
(oder Signifikat, das Bezeichnete) zustande. Das Bild eines Tisches ist zwar
nicht der Tisch, aber er hat, um mit Metz zu reden, eine „perzeptive Ähnlichkeit".
Auch der Filmton, etwa das Bellen eines Hundes, ist einem wirklichen
Hundebellen ähnlich. Monaco nennt diese denotative Bedeutungsebene auch
„Kurzschluß-Zeichen": Man glaubt, das Bild ist, was es abbildet.
Das läßt sich natürlich auch
über das einzelne Bild hinaus auf größere Einheiten ausdehnen. Eine
realistische Szene im Film bedeutet erst einmal das, was sie darstellt — zwei
Männer kämpfen miteinander, zwei Liebende küssen sich usw. Das Problem mit der
so selbstverständlichen denotativen Bedeutung des Films ist gerade seine
gesetzmäßig erscheinende Selbstverständlichkeit. Oder, mit Christian Metz zu
sprechen: „Ein Film ist schwer zu erklären, da er leicht zu verstehen ist.“
Konnotation
Erst von diesem
komplementären Begriff aus wird das Problem der Denotation ganz deutlich. Denn
viele Filmbilder haben mehr Bedeutung, als die Summe ihrer Denotationen umfaßt.39
Sie meinen mehr als das analog Abgebildete, sie transportieren zusätzliche
Bedeutungen, die sich häufig aus anderen kulturellen Codes speisen, gewinnen so
symbolische Aussagekraft, die weit über das Denotat hinausgeht. Diese
konnotative Bedeutungsebene ist keineswegs auf den künstlerischen Film
beschränkt, sondern kommt in ganz trivialen Unterhaltungsfilmen (wobei die
Konnotationen allerdings häufig klischeehaft, völlig konventionalisiert
erscheinen), besonders gehäuft auch in Werbespots vor.
Eine letzte
wichtige theoretische Unterscheidung von Konnotationen sollte jedoch noch getroffen
werden, die von großer Bedeutung für die analytische Praxis ist.
Die symbolische Aufladung
eines Bildes mit konnotativer Bedeutung kann sich aus verschiedenen Quellen
speisen: Es kann schon im Horizont kultureller Konvention konnotativ erweitert
sein. So ist ein Fensterkreuz, nur Nah gezeigt, in vielen Filmen mehr als sein
Denotat: Es verweist gleichzeitig auf christliche Symboltradition und kann dann
zusätzlich „Leid", „Opfer" o. ä. bedeuten. Oder, um ein szenisches
Beispiel zu nehmen:
„Über freies Feld
galoppierende Pferde" ist als symbolische Darstellung von Freiheit,
Ungebundenheit usw. in unserem Kulturkreis - nicht zuletzt durch die Werbung
— schon bis in die Präsentationsformen hinein so konventionalisiert, daß der
Rezipient diese Konnotation sofort erfaßt.
Bilder haben aber auch
Konnotationen, die nicht schon in der Auswahl und konventionalisierten
Präsentation begründet sind, sondern durch Verknüpfung mit Einstellungen vorher
und nachher, durch Montage im Film erzeugt werden. Nahezu jedes Bild kann im
Film durch Montage konnotative Bedeutungen entwickeln. [...]
Natürlich sind
beide Typen der Konnotation oft gemeinsam wirksam. In Josef Sternbergs „Der
blaue Engel" etwa erscheint in bestimmten Situationen bei den ersten
Begegnungen Unrats mit Lola ein Clown, der Unrat kurz ansieht und dann durch
die Tür verschwindet. Natürlich gehört der Clown zur gezeigten Filmwelt des
Varietés, ist aber auch kulturell schon symbolisch aufgeladen mit der
konnotativen Bedeutung: Traurigkeit hinter fröhlicher Maske, Weisheit hinter
scheinbarem Narrentum u.a. Der Regisseur wählt nun eine der Bedeutungen aus,
indem er den Clown auf spezifische Weise präsentiert, montiert das Motiv so,
daß die Szene drohendes Unheil signalisiert, das Schicksal Unrats antizipiert,
der ja dann später als trauriger Clown in dem gleichen Varieté endet.
Literatur:
Heimann, Paul: Zur Dynamik der Bild-Wort
Beziehungen in den optisch akustischen Medien. In: Robert Heiß et
al (Hrsg), Bild und Begriff München: 1963, S 71-113.
Kracauer, Siegfried: Theorie des Films Frankfurt/M: 1975, S.161.
Metz, Christian: Semiologie des Films. Frankfurt/M. : 1972.
Monaco, James :
Film verstehen. Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films
und der Medien. Mit einer Einführung in Multimedia. Rowohlt, Reinbek bei
Hamburg: 1995.