[Die Sprache des Bildes] -
Sprache des Films und filmische Rede.


Auf den ersten Blick ist ein Film nichts Anderes als ein (gelungenes oder verfälschendes) Duplikat der Wirklichkeit. Aber ist die Realität duplizierbar, ist ein Duplikat realistisch, und ist der Film nichts Anderes?

Auf den zweiten Blick entdeckt man die Konstruktion dessen, wovon ein Film handelt, und man entdeckt das Kalkül, wie der Film davon handelt. Welches ist die richtige Weise, auf den Film zu blicken?

Zeichen. Wörter, Bilder.

Wenn man eine Photographie danach abfragt, was sie zeigt, so versteht man sie als ein Zeichen(komplex). Die Suche nach der Bedeutung geht vom dokumentarischen Wert der Photographie aus; sie verweist auf eine Situation, die sich vor der Kamera zur Zeit der Aufnahme abspielte, und im Photo ist das aufbewahrt, was von dieser Situation zu sehen war. Zwischen dem, das im Photo aufgezeichnet ist und dem, das die Kamera aufgezeichnet hat, gibt es eine Beziehung: diese Beziehung ist auf eine Übereinstimmung, auf Analogie gegründet; wenn der Signifikant (das Bezeichnende, Abkürzung sa) über Analogie durch das Signifikat (das Bezeichnete, Abkürzung se) motiviert ist, nennt man das Zeichen ein Ikon. Es gibt noch einen weiteren motivierten Zeichen-Typus:

das indexikalische Zeichen,

ein Index wird jedoch nicht durch Analogie, sondern auf Kausalität motiviert; ein indexikalisches Zeichen für ein Auto, das nicht zu sehen ist, kann das Geräusch seines laufenden Motors sein, das zu hören ist. Man kann noch einen weiteren Zeichen-Typus festhalten; er beruht auf einer willkürlichen, also weder analog noch kausal motivierten Beziehung zwischen sa und se; diese Beziehung besteht aufgrund einer kulturellen Vereinbarung, sie ist konventionell;

dieses Zeichen ist ein Symbol.

Ein Zeichen kann doppeldeutig sein:

[...]

Wenn wir jemanden sehen, der plötzlich seinen Kopf über die Schulter zurückwendet, nehmen wir an, daß er einen Grund dafür hat; wir verstehen die Rückwendung und den Blick als ein indexikalisches Zeichen, ohne daß wir die genaue Ursache zu kennen brauchen; dieser Rückblick allein ist schon ein signifikantes Indiz. Er kann mehrere mögliche Bedeutungen haben, wir wissen nicht welche, aber wir wissen auch, daß er zumindest eine hat. Mitunter horchen wir in ein Zeichen hinein wie in eine Frage, die erst noch ihre Antwort finden muß.

Manche Dinge werden als Zeichen verstanden, obwohl sie nicht als solche gedacht worden sind: dieser Blick über die Schulter kann jemanden als Autodieb verraten, der sich vergewissert, daß niemand ihm zusieht - aber ein Autodieb will sich nicht verraten. Es gibt Situationen, in denen Dinge nur für kurze Zeit als ein Zeichen für etwas verstanden werden, aber die Situation geht vorüber, und das Verständnis geht vorüber, und das Ding wird wieder zu dem nichtssagenden Objekt, das es vorher war. Potentiell ist jedes beliebige Ding ein Zeichen: ob es ein Zeichen ist, hängt davon ab, daß es dazu erklärt und daß es so verstanden wird; Zeichen in einem konkreten Fall zu sein, ist dann keine Eigenschaft des Dinges, seine Bedeutung ist ihm von uns zugeordnet worden.

Für manche Dinge ist die Zuordnung einer Bedeutung von Dauer: diese Dinge sind ausschließlich für den Zweck, Zeichen zu sein, produziert worden;

ihr Zeichencharakter ist eine soziale Institution.

Das gilt z. B. für die Symbole der Wortsprache, für die Buchstaben, die Wörter, die Sätze. Man kann solche Zeichen in Repertoires zusammenfassen, sie bilden einen Code, dieser Code kann abgeschlossen sein, wie es das Alphabet ist, oder er kann offen sein, wie ein Lexikon, in das neu erfundene Wörter oder Namen für neu erfundene Dinge eingefügt werden können. Und es gibt Zeichen, die uns an andere Zeichen, an andere Bedeutungen, an das, was schon gesagt wurde, oder an das, was wjr noch nie gesehen haben, erinnern wie ein Déjà-vu.

Der Satz »Niemand spricht mit dir« ist das Ergebnis einer sprachlichen Operation. Wie verläuft diese Operation? Dieser Satz ist in einzelne Wörter zerlegbar, jedes Wort hat eine Bedeutung und ist im Lexikon beschrieben. Im Lexikon gibt es Wörter, die die gleiche oder eine ähnliche Bedeutung haben; wer den Satz "Niemand spricht mit dir" verstehen soll, muß über einen Wortschatz verfügen, in dem diese Wörter und die ähnlichen Wörter vorkommen. Das Sprechen stellt an den Sprecher und den Hörer eine lexikalische Anforderung.

Verschiedene, aber synonyme Wörter können äquivalent benutzt werden, aber zumeist sind die Bedeutungen dennoch nicht völlig kongruent. Ein Wort, das aus den Synonyma und Äquivalenten für einen Satz ausgewählt wurde, kann eine recht allgemeine Bedeutung haben und alle ähnlichen Worte umfassen und unausgedrückt hinter sich haben. Über die Differenz der Bedeutungen geht die Auswahl hinweg - aber es kann ebenso sein, daß die Auswahl einen bestimmenden Wert hat. In diesem Fall ist die Differenz zu den naheliegenden Wörtern betont. Das Wort, das ausgewählt wurde, zieht eine Grenze zu all den entsprechenden Wörtern, die nicht ausgewählt wurden; die Grenze zwischen dem, das gesagt werden soll, und dem, was nicht gesagt werden soll, konturiert die Bedeutung. Wenn wir die Aussage eines Satzes verstehen wollen, müssen wir die Kontur der naheliegenden Worte mitdenken: jene Worte, die äquivalent wären, opponieren in der aktuellen Situation. "Niemand spricht mit dir" soll nicht sagen "Keiner äußert sich dir gegenüber". Die Aussage eines Satzes wird positiv durch die Auswahl der Worte aus den Paradigmen der ähnlichen Worte entschieden, und sie wird negativ dadurch entschieden, daß die anderen ähnlichen Wörter unausgesprochen bleiben und der Verzicht auf sie einen Gegensatz zu den ausgewählten Worten bildet.

Neben der paradigmatischen Beziehung von Worten zu anderen Worten, die nicht im Satz, aber in der Sprache vorkommen, existiert die konkrete Beziehung der einzelnen Worte im aktuellen Satz aufeinander. Jedes einzelne Wort ist ein Glied des Satzes, und der Satz "Niemand spricht mit dir" ist das Ergebnis einer sprachlichen Operation, die diese Wort-Glieder verkettet. Wie verläuft diese Operation? Die Wörter können nicht beliebig aneinandergereiht werden; jedes einzelne Wort hat eine Bedeutung, und die zusammengehängten Wörter müssen einen sinnvollen Zusammenhang von Bedeutungen ergaben. Die Regeln sinnvoller Zusammenhänge sind in der Syntax registriert. Wer einen Satz verstehen soll, muß über eine Syntax verfügen, in der die betreffende Kombinationsform von Worten vorkommt. Das Sprechen stellt an den Sprecher und den Hörer eine grammatikalische Anforderung.

Die Syntax ist ein System der möglichen Wortkombinationsformen; diese Kombinationsformen nennt man Syntagmen. Das Syntagma regelt das Verhältnis der Worte eines Satzes zueinander, es regelt das Verhältnis eines Satzes zu anderen Sätzen und das Verhältnis der Aussage eines Satzes zu anderen Aussagen, es verleiht ihr den Status einer Feststellung, eines Wunsches, einer Vergangenheit etc., es verleiht ihr den Status einer Begründung, einer Folge, einer Bedingung etc. Die Aussage eines Satzes wird positiv dadurch entschieden, welches Syntagma aus dem Paradigma von anderen möglichen Syntagmen zur Kombination der Worte ausgewählt und benutzt wird, und sie ist negativ dadurch entschieden, daß die nicht ausgewählten Syntagmen einen unausgesprochenen, paradigmatischen Gegensatz zum benutzten Syntagma bilden.

Soweit die Beispiele von sprachlichen Operationen aus der Wortsprache. Wenn man eine Photographie nach ihrer Bedeutung abfragt: werden dann die Spuren ähnlicher Operationen im Photo aufgesucht? Wenn man das, was auf einer Photographie zu sehen ist, wortsprachlich umschreiben wollte, so könnte man entweder einen kurzen Satz bilden "Ein Mann schaut über die Schulter, und man könnte auch vom gleichen Photo sagen "Ein Mann im karierten Straßenanzug hat seinen hageren Kopf gewendet und schaut über die Schulter zurück, so daß das Schulterpolster der Jacke sich aufwölbt und der Stoff am Kragen Falten wirft". In der Wortsprache sind dies völlig unterscheidbare Sätze und unterschiedene Aussagen; es handelt sich jedoch um das gleiche Bild: ist seine Aussage als Photo so wenig festgelegt und konturiert, daß die wortsprachlichen Umschreibungen dies Spannweite haben können?

Es ist zu sehen, daß eine Photographie bereits einer langen Reihe von Worten entspricht und eine komplexe Aussage macht. Hat die Komplexität eine Struktur? Liegen einem Film, den Einstellungen eines Films ähnliche Operationen wie die der Wortsprache zugrunde, und wie kann man sie beschreiben? Einen Satz kann man in seine Worte gliedern: gibt es in einer Einstellung entsprechende Glieder, gibt es ein Lexikon, in dem diese Glieder gespeichert werden, gibt es Paradigmen solcher Glieder, gibt es Regeln ihrer Kombination und gibt es Paradigmen solcher Kombinationsformen? Welches System hat die Sprache des Films?

[...]

Die Aussage wird aus mehreren Kanälen gespeist, sie setzt sich aus den Bedeutungen verschiedener Zeichen, Gesten und Ausdrücken zusammen. Die Form des Zusammensetzens von verschiedenen Codes (mit z.T. gegensätzlichen Bedeutungen) zu einer Aussage ist eine besondere Weise sich auszudrücken. Die Aussage ließe sich auch rein verbal formulieren; der Satz "Ich stelle gerade fest, daß ich meine Brieftasche verloren habe, und dieser Verlust ist sehr bedauerlich" scheint dem komplexen kontextuellen Ausdruck gleichwertig zu sein, denn in dieser rein verbalen Formulierung sind der Vorfall und die Einstellung des Sprechers zum Vorfall genauso aufgeschlüsselt. Ist die verbale Formulierung tatsächlich gleichwertig? Die ausschließlich verbale Formulierung gestattet eine Aussage über den Vorfall und über die Einstellung dazu, sie distanziert gewissermaßen den Sprecher aus dieser Situation; in der kontextuellen Sprachform steckt der Sprecher dagegen mitten in der Situation, und das Sprechen ist gewissermaßen eine Weise, die Situation handzuhaben. Die Situation ist nicht nur Gegenstand der Äußerung, sie ist zugleich auch zum Medium der Aussage geworden.

Was die Kamera aufzeichnet, wird zum Zeichen erklärt und als Zeichen verstanden. Jedoch stellen viele Objekte, Requisiten und Personen nicht deshalb etwas dar, weil erst der Film ihnen eine Rolle leiht. Was der Film reproduziert, muß vorproduziert sein: und sehr oft ist es schon als Zeichen vorproduziert. D.h. es fungiert bereits außerhalb des Films als ein Code; er ist in einem eigenen sprachlichen System registriert. Das Gesicht, das einer schneidet: als Zeichen des Widerwillens; die wohlgeformten Augen, die einer hat: als Code dessen, das als schön gilt; das Lächeln, das ein Mund lächelt: als Ausdruck der Überheblichkeit - diese Zeichen sind aus den verschiedensten kulturellen Code-Repertoires selektiert und werden vom Film, der sie aufzeichnet, absorbiert. Aber sie entstammen Zeichen-Systemen, die nichts spezifisch Filmisches an sich haben: auf den Film bezogen sind sie fremde Sprachen.

Ein Film-Bild ist angefüllt mit sprechenden Details; die ikonische Aussage einer Einstellung ist die photo- und phonomechanische Reproduktion von dem, was diese Objekte unabhängig vom Film selbst sagen.

Der Film wählt seine Objekte aus den Code-Repertoires und baut sie, zusammengesetzt zu einem kontextuellen Ausdruck, vor der Kamera auf. Denn die Kamera sucht die Welt an den Stellen auf, wo sie schon Bedeutungen angenommen hat.


Bitomsky, Hartmut: Die Röte des Rots von Technicolor, Kinorealität und Produktionswirklichkeit. (SL 69), Luchterhand, Neuwied/Darmstadt: 1972, S. 33-40.