FILMISCHE REALITÄT.

l. Fotografisches Prinzip. In Fotografie und Film ist die dargestellte Person - im Gegensatz zur bildenden Kunst - nicht Analogon. "Die Zeichnung kann als noch so getreues Abbild mehr aussagen über die Vorlage, sie kann jedoch nie die irrationale innere Überzeugungskraft haben wie die Fotografie, die uns gerade zwingt zu glauben.« (Bazin) - Ein Foto »ist kein eigentlicher Hinweis, keine semantische, sondern eine technische Kodierung." (Peters ->-Kino-Semiologie). Der Film »erlaubt... keine absolute Konstruktion (Adorno). Schon Melies weiß: »Alles muß getan werden, um vollständig vorgetäuschten Dingen den Anschein der Wahrheit zu geben. « - In den fotografischen Medien bedeuten die Dinge nur sich selbst. Es gibt keine Symbole. Eine Taube im Film ist eine Taube, nicht der Heilige Geist.

2. Differenz zur empirischen Realität. Fotografie oder Film sind dennoch nicht das Leben schlechthin. Wir kennen Tricks, Manipulationen, Fälschungen. Daher die Gefährlichkeit von Filmen, die mit Fälschungen arbeiten, weil auch ihre graphics uns zwingen »zu glauben«. Eine andere Möglichkeit der Irritation ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Vorstellungsbild, das sich der Rezipient von einer Sache gemacht hat, und dem Bild, wie es das Medium zeigt.

Jeder kennt das Erschrecken ob eines - vermeintlich oder wirklich - unähnlichen Paßfotos. Malraux nennt die Fotografie ein "isoliert Wirkliches":. Morin spricht von der »fotografischen Verdoppelung«, vom »Double«, vom »Doppelgänger«, vom »Phantom«, vom »Bild-Gespenst«: etwas, von dem wir doch wissen, daß es unmittelbar die empirische Realität meint, scheint sich von dieser zu lösen, wird fremd oder zeitweise fremd. »Photographie deformiert heimlich das Materials: (Tynjanov). Berghahn über Antonionis »La notte«: »... eine fremde Welt, die gespenstischerweise der bekannten Welt ähnlich sieht.. .« -

3. Wiedererkennen. Erst die Differenz zur empirischen Realität, die freilich wesentlich geringer ist als bei den Künsten, »weil Gesellschaft... vom Objekt her ... in den Film hinein (ragt)« (Adorno), macht es möglich, daß Film zum »Prüfstein der Dinge« (Balluff), zu einem »Instrument der Analyse« (Klossowski) wird. Das fotografische Prinzip erzwingt »eine Gemütsbewegung nervöser Art«, die »das Wiedererkennen von etwas Substantiellem (Artaud) umfaßt. »Wir freuen uns des Wiedererken-nens: >So ist es wirklich!<«, schreibt Balázs. Freilich - doch der Akt des Wiedererkennens kann auch erschreckend und quälend sein. Die fotografischen Medien können als einzige Entfremdung zeigen, weil nur sie das reale sprachlose und gequälte Individuum erfassen. Benjamin über das alte Foto eines Fischweibs: »... in jenem Fischweib ... bleibt etwas ... was nicht zum Schweigen zu bringen ist, ungebärdig nach dem Namen derer verlangend, die da gelebt hat.. .« Film ermöglicht aber auch, so Merleau-Ponty, »die Welt oder die Menschen schweigend zu dechiffrieren ...«


Nach: Kurowski, Ulrich: LEXIKON FILM. Hundert x Geschichte. Technik. Theorie. Namen. Daten. Fakten. Reihe Hanser 101, München: 1972. S.42-43.