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Die großen Syntagmen (=Sequenzen)

Die Wortsprache dient als Zeichensystem der Interkommunikation, die Filmsprache ist dagegen nur eine Teilsprache, langage, deren Ausdrucksmittel wenig wirkliche Zeichen sind.

Ausgehend von der Tatsache, daß in zwei Bildern bereits Erzählmomente angelegt sind, unternimmt Metz nun den Versuch einer strukturalen Analyse des Films, wobei er eine Semiologie (=Zeichenlehre) des erzählenden Films (=Spielfilm) anstrebt.

Er entwickelt ein Modell erzählerischer Bauformen des Films, deren kleinste Einheit die Einstellung (= die ohne Unterbrechung für einen bestimmten Zeitraum gefilmte Aufnahme} ist. Bei der Kopplung zweier Einstellungen entstehen filmische "Syntagmen" (Diesen Begriff hat Metz der Linguistik entliehen, obwohl er berücksichtigt, daß Begriffe der Linguistik nur mit außerordentlicher Vorsicht für eine Semiotik des Films anwendbar sind; dieser Begriff trifft aber den Sachverhalt in Analogie zur Verbalsprache. Ein Syntagma ist eine syntaktisch gefügte Wortgruppe, in der jedes Glied seinen Wert erst durch die Fügung bekommt.)

In einer 'Tabelle der großen Syntagmen im Film' hält er acht syntagmatische Typen fest:

(summarische Zusammenfassung unter Berücksichtigung von KUROWSKI, BITOMSKY, KNILLY).

1. die autonome Einstellung (oder Plansequenz oder Interpolation).

'Damit ist eine Einzeleinstellung gemeint, die allein aus sich selbst besteht und durch die Einheit der Handlung ihre Autonomie erhält. Diese Einstellung kann als Plansequenz oder als Interpolation eingesetzt werden. Die Plansequenz erfaßt eine vollständige Handlung, einen kompletten Vorgang.

Die Interpolation (=Zwischenschaltung) kann als autonome Einstellung eine wesentlich andere Funktion übernehmen.

Bsp.: Die lange Fahrt an der Autoschlange vorbei in "Weekend" (1967) von J.L. Godard.

2. Das parallele Syntagma

'Gemeint ist die Sequenz der parallelen Montage, die zwei oder mehrere Themen bzw. Aktionen so miteinander verknotet, daß sie einen Sinnzusammenhang eingehen, unabhängig von ihren lokalen und temporalen Eigenheiten.'

Bsp. : der Tisch der Armen - der Tisch der Reichen; die friedliche Natur - die rastlose Zivilisation.

3. Das Syntagma der zusammenfassenden Klammerung

'Es umfaßt mehrere Einstellungen, ohne einen durch die Zeit hergestellten Zusammenhang. Dieser wird auch nicht durch einen Parallelismus konstituiert, sondern durch einen Tatbestand, den die einzelnen Einstellungen aspektieren, illustrieren, den sie andeuten und auf den sie von verschiedenen Standorten aus verweisen.'

Bsp.: Die in Bildern wiedergegebenen Vorstellungen der künftigen Herrscherin vom zaristischen Rußland: Kathedralen, Popen, Folterungen. "Die zusammenfassende Klammer" ist die Angst der Prinzessin; Sequenz aus Sternbergs "The Scarlet Empress".

4. Das deskriptive Syntagma

'Ist das Verhältnis zwischen allen dargestellten Motiven mehrerer Einstellungen das der Gleichzeitigkeit, hat man es mit diesem einzigen nicht-narrativen chronologischen Segment zu tun. Es kann auf unbewegte Gegenstände, Umgebungen allgewendet werden.'

Bsp.: Bildfolge: Baum, Teil eines Baumes, eines Bachs, eines Hügels u.s.w.

  

5. Das alternierte Syntagma.

'Dieses autonome Segment ähnelt dem Theater, wo infolge dar Einheit des Ortes die Gleichzeitigkeit von Ereignissen an verschiedenen Orten nicht gezeigt werden kann, so daß mit wechselnden Auftritten die Zeitfrage gelöst wird.'

Bsp.: die 'last minute rescue' - Sequenzen in den Filmen von Griffith.

6. Die Szene.

'In ihr folgen die Ereignisse kontinuierlich aufeinander, wodurch sie eine weitgehendste Ähnlichkeit mit den Szenen im Theater oder in alltäglichen Loben besitzt. Die Einheit von Ort, Zeit und Handlung wird nicht gestört. Sie kann aus mehreren Einstellungen kombiniert sein, wobei die Kamera nie den Schauplatz des Geschehens verläßt.

7. Die Sequenz durch Episoden.

Bei ihr ist die Diskontinuität organisiert, die Zeit wird übersprungen, Schauplätze wechseln u.a. Die ausgefallenen Stellen sind aber für das Geschehen wichtig, weil sich in ihnen ein Prozeß vollzog.

Bsp.: Die Entfremdung zwischen Kane und seiner ersten Frau wird durch Bilder gemeinsamer Mahlzeiten evident. Sequenz aus Welles: "Citizen Kane" (1941).

8. Die gewöhnliche Sequenz.

Für die Handlung werden weniger interessante Vorgänge übersprungen, wodurch die zeitliche Verkettung der dargestellten Tatsachen diskontinuierlich und unorganisiert wirkt. Die ausgefallenen Stellen sind für den Fortgang des Geschehens unwichtig.

Bitomsky, der 1972 in seiner Abhandlung über den Film diese 8 syntagmatischen Typen von Metz noch einmal einer Prüfung unterzog, kommt trotz aller Vorbehalte zu dem Schluß, daß jedes Syntagma "eine sprachliche Bauform" bedeute, die "Bedeutungsverhältnisse zu organisieren" vermag. "Ein Syntagma ist eine Form des Verstehens." Dieses findet man aber in keinem Lexikon, da der Film eine Ausdrucksweise (langage) ohne Sprache (langue) ist und dieses über kein Lexikon verfügt.


Aus: Dörp, Peter: Literatur und Film in der Oberstufe. Köln: 1973.