Für die Kinder an unserer Schule existiert keine Lobby.

Für die Kinder unserer Schule zeigen ihre Eltern kaum Interesse.

 

Für die Kinder unserer Schule

sind wir aktiv geworden!

 

 

„Es gibt Kinder,

Die kommen ohne Schutzengel

Auf die Welt.

Und der Sandmann streut ihnen

Reißnägel in die Augen.

Unterm Christbaum liegt jedes

Jahr

Ein Packerl Tränen als Geschenk.

Und ein Märchenbuch,

wo der Teufel immer gewinnt.“

Ludwig Hirsch

 

 

 

 „Farbenspiel“

heilpädagogisch begründete Kunsttherapie

an einer Schule für Erziehungshilfe

 

 

I. Initiatoren

Frau Kirsten Stamer, Diplom Heilpädagogin / Kunsttherapeutin;

Frau Graf - Mannebach, Konrektorin der Heinrich – Böll – Schule;

Herr Ponsens, Rektor der Heinrich – Böll – Schule;

in Zusammenarbeit und Unterstützung des gesamten Lehrerkollegiums der Schule

sowie des Fördervereins der Schule.

 

II. Zielrichtung

Viele Kinder, die die Heinrich-Böll-Schule besuchen, sind von frühester Kindheit an emotional und körperlich vernachlässigt, alleingelassen, misshandelt oder missbraucht. Die Möglichkeit, eine stabile und sichere Beziehung zu einer Bezugsperson zu erleben, somit Vertrauen in sich und die Umwelt zu entwickeln, war und ist massiv beeinträchtigt. Zur Bewältigung von Angst und Verzweiflung, die aus dieser Bindungsstörung resultieren, haben die Kinder zahlreiche Verhaltensauffälligkeiten entwickelt. Nicht wenige Kinder sind so tief verletzt, dass sie traumatisiert sind und psychiatrische Auffälligkeiten zeigen. Die Strategien, die sie zur Bewältigung ihrer inneren Angst einsetzen, schränken positive Entwicklungserfahrungen deutlich ein. Nach den Erkenntnissen der neueren Hirnforschung können keine vielfältigen neuen Lernerfahrungen mehr gemacht und im sich entwickelnden Gehirn verankert werden. Wichtige Entwicklungsprozesse im kindlichen Gehirn finden nicht mehr oder nur eingeschränkt statt. Für das Lernverhalten

der Kinder bedeutet dies einen Rückgang an Motivation, Verstehen, Behalten, Erinnern, Erkennen von Zusammenhängen und eine eingeschränkte Fähigkeit im Erkennen und Lösen von Konflikten. Wenn es den Kindern nicht gelingt ihre Angst zu überwinden, bleiben sie zeitlebens isoliert, ichbezogen, bindungsunfähig und können ihre geistigen Fähigkeiten vielfach nicht voll entfalten. Damit eine positive Entwicklung gelingen kann, brauchen diese Kinder jemanden, der ihnen dabei hilft, allmählich wieder Vertrauen in menschliche Beziehungen zu erlangen und sich mit ihnen gemeinsam auf die Suche nach Lösungen einlässt. Dieses kann professionell am wirksamsten geschehen in einem rein therapeutischen Verhältnis bzw. Setting, in dem die Kinder ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten entfalten (lernen) können.

 

III. Motivation

Die Aufgabe einer Schule für Erziehungshilfe ist die Förderung von Kindern mit Entwicklungsverzögerungen bzw. Entwicklungsstörungen im sozial-emotionalen Bereich. Diese Schüler brauchen besondere Angebote, um die Entwicklungsverzögerung aufholen und später wieder am Unterricht normaler Schulen teilnehmen zu können. Im Sinne der Qualitätssicherung schulischer Arbeit an Schulen für Erziehungshilfe gab und gibt es immer wieder Überlegungen, die pädagogischen und unterrichtlichen Angebote durch therapeutische Maßnahmen zu ergänzen.

Die Zahl unserer Schüler, die dies zusätzlich zur sonderpädagogischen Förderung brauchen, wächst ständig. Immer mehr Kinder müssen aufgenommen werden, die so schwerwiegende psychosoziale Störungen aufweisen, dass sie allein mit schulpädagogischen Maßnahmen kaum oder gar nicht erreichbar sind. Weil aber gerade die Eltern dieser Kinder oft nicht bereit oder in der Lage sind, schulferne therapeutische Hilfen in Anspruch zu nehmen, bietet ein schulinternes therapeutisches Projekt die Chance, so zu fördern, dass sie erfolgreich am Schulunterricht teilnehmen können. Ein schulinternes therapeutisches Angebot kann die Arbeit der Lehrer so ergänzen und intensivieren, dass die Förderziele schneller und dauerhafter erreicht werden können.

Der Wunsch in der Heinrich - Böll - Schule, therapeutische Förderung anbieten zu können, war auch dadurch begründet, dass die Wartezeiten an externen Institutionen oft extrem lang sind. Die Verweildauer an der Sonderschule ließe sich möglicherweise bei manchem Kind verkürzen, wenn zusätzliche therapeutische Maßnahmen gleichzeitig mit der Aufnahme installiert werden könnten. Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Förderauftrag der Schule für Erziehungshilfe durch eine dichte Verzahnung von Sonderpädagogik und Heilpädagogik / Therapie wesentlich effektiver erfüllt werden kann.

 

IV. Darstellung des Projektes

Titel des Projektes „Farbenspiel“

Der Name für das kunsttherapeutische Angebot beruht auf den Überlegungen, einen kindgerechten, motivierenden Titel zu finden, um

- den spielerischen Aspekt in den Vordergrund zu stellen;

- den mit dem Begriff Therapie  verbundenen Vorurteilen ( „Psychotante“), 

- Ängsten („Ich bin doch kein Psycho!“)

- und Abwehrmechanismen der Kinder und Eltern entgegen zu wirken.

Des Weiteren unterstreicht der Titel die Niedrigschwelligkeit und Parteilichkeit für die Kinder.

 

 

Zielgruppe

Zielgruppe sind die SchülerInnen, die schon in den schulischen  Ablauf integriert sind, voraussichtlich über einen längeren Zeitraum an der Schule verbleiben. Die Indikation für die Teilnahme an der kunsttherapeutischen Maßnahme sind gravierende Defizite in folgenden Bereichen:

§         Selbstwahrnehmung / Fremdwahrnehmung

§         Phantasie und Ausdrucksfähigkeit

§         Flexibilität/Orientierungsfähigkeit im Verhalten und Handeln

§         Bindungsfähigkeit

§         Identität

 

 

 

Ziel des kunsttherapeutischen Angebots

Für 86% der Kinder, die regelmäßig am Farbenspiel teilgenommen haben war dies die erste und oft einzige Chance eine regelmäßige, stabile, zuverlässige und sichere Bindung zu erfahren. Ihnen wurde ein Raum zur Verfügung gestellt, der ihre Bedürfnisse nach Nähe und Schutz erfüllen konnte. Dieser erlebbar sichere Rahmen bot den Kindern die Basis zur Exploration, gleichzeitig ein Modell für weitere Beziehungen und stellte somit den Schwerpunkt einer ganzheitlichen Stabilisierung dar. Durch Farbe, Form und Material wurden über die Sinneserfahrungen Ressourcen aktiviert, die die Möglichkeiten zum Lernen über die schulischen Anforderungen hinaus darstellten. Dies schaffte eine Basis, um die Erfahrung machen zu können, dass auch Kinder Rechte haben („ich muss nicht zu meinem Vater, wenn er mich schlägt?“), Ideen zu einer beruflichen Qualifikation entwickeln zu können oder Fragen zu aktuellen politischen Geschehen (z.B. Thema Krieg) klären zu können,  so wie andere Werte und Normen (z.B. „Warum soll ich was lernen, ich krieg später doch sowieso Sozialhilfe“) kennen zu lernen und vieles mehr.  Daraus ergab sich eine Förderung in den Bereichen:

§         Kreativität

§         Lern- und Leistungsmotivation

§         Intrapersonelle Kommunikation

§         Geschlechtsspezifisches Rollenverständnis

§         Selbst – und Fremdwahrnehmung

§         Zwischenmenschliche Beziehungen

 

 

Phasendarstellung

1. Evaluation

-         Anpassung der Theorie an die Praxis aufgrund der vorangegangenen Erfahrungen

-         Ausarbeiten adäquater Methoden und Interessengebiete der Zielgruppe

-         Berücksichtigung und Einbeziehung bindungstheoretischer Aspekte.

-         Auswertung der Entwicklungsberichte von LehrerInnen und Therapeutin.

 

2. Eingangsphase

- Anamnese und Erstellung der individuellen Förderziele

- Zusammensetzung von Kleingruppen

- Informationsaustausch / Transparenz in Bezug auf die gegenseitigen

  Erwartungen, Pläne und Entscheidungen

- Beziehungsaufbau durch gemeinsame „Farbenspiele I – V“ mit den Schwerpunkten

  Bewegung, Grenzsetzung, Kontaktaufnahme (z.B. dialogisches Gestalten) konzipierte

  Gestaltungsaufgaben

- Einführung in Phantasiereisen und Imaginationen

3. Stabilisierungsphase

- Aufbau einer sicheren Bindung

- Aufbau eines stabilen Gruppenklimas

- Ritualisierung der Entspannungsübungen

- Einführung stabilisierender Imaginationen

- Erweiterung der Kreativität durch „Farbenspiele VI – X“, von der Therapeutin entwickelte

  Gestaltungsaufgaben mit unterschiedlichen Materialien in Bezug auf Gefühle,

  Assoziationen, reale bzw. phantasierte Situationen

- Vermittlung positiver Erfahrungen mit den Schwerpunkten Stabilisierung und 

  Ressourcen

4. Differenzierungsphase

- Regenerierung bzw. Entwicklung von Selbstwertgefühlen

- Differenzierung sozialer Verhaltensmuster

- Erarbeiten von Verhaltensalternativen im Konflikt

- Ausbau der Handlungskompetenzen

- Identifizierung rollenspezifischer Geschlechtsstereotypien als Unterstützung in der

  Identitätsfindung

- Bezug zur Alltagsästhetik herstellen z.B. Collagen aus Materialien von Zeitschriften oder

  Verpackungsmaterialien

- Reflexion zur aktuellen Gefühlslage

5. Evaluation

-         Regelmäßige Überprüfung der Methoden bezüglich der individuellen Ziele

-         Gegenstand (Ziel) sukzessive konkretisieren, Bewertungskriterien ausformulieren

-         Zusammenfassung der Entwicklung des Kindes

      anhand der kontinuierlich erstellten Arbeits- bzw. Beobachtungsprotokolle.

 

 

Angebotszeit

Täglich :                                                 8:30  -  13:45 Uhr

Einzelbetreuung:                                   45-60 Minuten

Gruppenbetreuung:                               60-90 Minuten

Raum

Der umgestaltete Fachraum im Pavillon mit Kuschelzelt, Musikanlage, Arbeitstisch, Malwände, Sandwannen, Materialschränken, Trampolin, etc.

Material

Untergründe verschiedener Art und Größe ( DIN A1, A2, A3), eine Auswahl verschiedener Papiersorten, Packpapier, unterschiedliche Pappen, eine Auswahl von Zeitschriften, Farben, Pinsel, Sand, Gips, Kreiden, Pigmente, Plastikwannen, Eimer, Kleister, Stoffe, Draht, Styropor, Naturmaterialien, etc.

Kosten

Das Projekt lief jeweils zweimal über ein Schuljahr, die gesamten Personalkosten wurden über eine Personalbutgetierung von der Bezirksregierung Köln übernommen. Im Zuge der sozialen Kürzungen existiert dieses Budget nicht mehr, so dass dieses Projekt im Sommer 2004 endet. Materialkosten wurden teilweise aus dem Budget der Schule als auch aus Mitteln vom Förderverein der Schule bestritten.

Zur Zeit bemühen sich die Initiatoren um eine Finanzierung über Spenden, Stiftungen bzw. Sponsoren. Für die Honorarkosten und Materialkosten werden ca. 50.000 Euro jährlich benötigt.

 

V. Fallbeispiel

Im Folgenden wird der Verlauf eines Farbenspiels, welches circa den Zeitraum eines Jahres eingenommen hat, skizziert. Das Kind hat einmal die Woche am Farbenspiel teilgenommen, allerdings immer wieder mit Unterbrechungen durch z.B. Ferienzeiten, Krankheit ,etc..

Jörg , 8 Jahre (Name geändert)

 

Anamnese

Im Alter von 4 Jahren wurde Jörg nach einem Vorwurf der Kindesmisshandlung während eines Urlaubs für etwa ein halbes Jahr fremd untergebracht. Nach Unterbringung in einem ausländischen Kinderheim kam Jörg in Deutschland in eine Pflegefamilie. Im Sommer 2002 eskalieren die häuslichen Probleme derart, dass der sechsjährige Junge den Mitarbeiter des Jugendamtes um eine Aufnahme in ein Heim bat. Dies wurde in die Wege geleitet, allerdings kam er ein halbes Jahr später in eine 5-Tagesgruppe, so dass er am Wochenende bei seiner Mutter lebte. Die Mutter zeigt eine ganz klassische Borderline- Symptomatik in Verbindung mit stark beruhigenden und abhängig machenden Medikamenten. Überforderung und missbräuchliches Verhalten der Mutter werden aus den Informationen von Lehrerinnen und Erzieherin deutlich. Vor circa einem halben Jahr hat die Mutter das erste Mal Kontakt zum Vater aufgenommen und hat unter Drohungen einen Besuch des Sohnes erpresst. Vom Vater ist bis heute wenig bekannt; ob er eine sichere Bezugsperson für Jörg darstellen kann ist fraglich. Eine Rückführung zur Mutter ist für das kommende Jahr geplant und trotz bekannter Misshandlungserfahrungen und ADHD - Diagnose wurde bisher außerschulisch keine therapeutische Maßnahme für Jörg in die Wege geleitet.

 

Persönlicher Eindruck

Bindungstheoretisch betrachtet kann Jörg durch die vielen Bindungsabbrüche keine verlässliche Beziehung aufbauen, auf Nähe und Anforderungen reagiert er mit Aggressivität oder Weglaufen / Entzug. Früh muss Jörg für sich selbst sorgen, bei riskanten Situationen vergisst oder unterlässt er eine Rückversicherung bei der Bezugs-/ Betreuungsperson. Es wird ein undifferenziertes Bindungsverhalten mit der Variante des Unfall-Risiko-Typs von mir vermutet. (vgl. K.H. Brisch, „Bindungsstörungen“ 1999) Auf Grund seiner traumatischen Erfahrungen wirkt Nähe bedrohlich. Symptome einer Traumatisierung, wie eingeschränkte Wahrnehmung, reduziertes Schmerzempfinden, innerliches Weggehen und Übererregung beeinflussen sein Verhalten.

(vgl. J.L. Herman, „Narben der Gewalt…“)

 

Facetten des Farbenspiels

12.3.03 Ich treffe Jörg das erste Mal, ein hübscher Junge mit braunem, kurzem Haar und blauen Augen, die mich traurig anschauen. Nach einem kurzen Rundgang durch den Farbenspielraum bleibt er an den Sandwannen stehen und beginnt im Feuchtsand eine Burg mit einer dicken, aber unverschlossenen Mauer zu bauen. Schutzbedürfnisse werden im Bau deutlich. Keine Leistungsansprüche, keine Forderungen, eine angenehm empfundene Atmosphäre lassen eine Öffnung in seiner Mauer zu. Während des Matschens entspannt sich sein Körper sichtlich, er stellt Fragen und kann mir einige zu sich beantworten. Beim darauf folgenden Farbenspiel wählt er ausschließlich düster, monochrome Farbtöne, lächelt immer wieder, nimmt Kontakt zu mir auf, in dem er meine Formensprache übernimmt. Es endet in einem regressiven Zuschmieren. Danach möchte er mir noch ein freies Bild malen. Es entsteht sehr schnell ein „Regenbogen“ – Bild, in individuell gewählten Farben.

Symbolisch betrachtet lässt sich der Regenbogen als „Ruf nach Hilfe“  übersetzen. Trotz verschwenderischen Verwendungen des Symbols, als Firmenlogos oder Zeichen für Lebensmittel aus „natürlichem Anbau“ , haftet ihm noch immer das ursprüngliche Motiv des Heilversprechens und der Hoffung auf Frieden an.(vgl. H.-G. Richter, „Leidensbilder“ 1997)

14.5.03 Während einer ‚Baum’ –Imagination hält sich Jörg die Hände vor die Augen, weil es ihm schwer fällt die Augen zu schließen. Er unterbricht meine Anleitung und berichtet von einem  Tunnel, in dem er sich befindet, an einem Ende gibt es Türen die geöffnet sind. Er malt den beschriebenen Tunnel, dann beginnt er ein Baumbild. Auf einer grünen Bodenlinie, die ca. 2cm über dem Blattrand schwebt, malt Jörg an den rechten Bildrand einen dicken, braunen Baumstamm, auf den er ganz zarte, verästelte, schwarze Zweige malt, an die Zweige tupft er mit hellgrün „Blätter“. Der Baum reicht bis zur Mitte, wo eine strahlende Sonne erscheint. Am linken Bildrand malt er einen viel kleineren, zierlichen Baum mit jeweils einem Blatt pro Ast, zwischen den beiden Bäumen ein „Fußballtor“ und eine graue Wolke. Dazu befragt, was wir auf dem Bild sehen, sagt Jörg: „Das ist der Vater (zeigt auf den großen Baum) und das der Junge (kleiner Baum)“  Wo ist die Mutter? „ Die ist beim Einkaufen“.

Für sein Selbstkonzept benötigt Jörg eine väterliche / männliche Bezugsperson, in seinem Bild drückt Jörg seinen geheimsten Wunsch nach Kontakt zum Vater aus.

Anmerkung

Erst im September 2003 findet ein erstes Treffen mit dem Vater statt. Kurz nach Entstehung des Bildes, berichtet die Mutter vom verbalisierten Wunsch des Sohnes nach Kontakt zum Vater. Der unbewusste Wunsch wurde durch das Bild nach außen, für den Jungen sichtbar  transportiert und dadurch wurde ihm eine Verbalisierung möglich.

Nach den Sommerferien werden die Probleme mit der Mutter immer vehementer. In Telefonaten mit der Lehrerin spricht sie mal von ganzer Heimunterbringung und Überforderung ihrerseits, dann wieder von Konflikten mit dem Heim und ihrem Wunsch, den Jungen zu sich zurück zu holen. Aus dem Heim wird berichtet, dass das Verhalten von Jörg extreme Formen annimmt, so legt er sich oder Steine auf Schienen, setzt sich auf Zebrastreifen, bedroht Kinder im Bus mit einem entwendeten Messer oder er versucht wegzulaufen. Immer wieder wird von psychosomatischen Symptomen berichtet, wie Ekzeme, Schlafstörungen, Fieber und Übelkeit.

 

24.9.03 Als Jörg gebracht wird, ist er sehr unruhig. Er kann sich mit gar nichts länger beschäftigen, wechselt von einem zum anderen. Nach der o.g. Situation mit den Steinen auf den Schienen befragt, erzählt er eine sehr chaotische Geschichte, wo Züge entgleisen, aufeinander stoßen, eine Brücke zerstört wird etc., die sehr viel Ähnlichkeit mit seiner realen Lebenssituation aufweist. Erst nach längerer Anwesenheit im Farbenspiel, kann er sich auf eine Phantasiereise zu seiner Insel einlassen, allerdings mit ungewohnter Unruhe. Sein Bild beginnt er mit einem weißen „Eisbären“ (Handpuppe im Farbenspiel), welcher in der Geschichte nicht vorkommt, dann folgen in grau „Schienen“, eine „Brücke“ und eine „Lokomotive“. Der Eisbär könnte als Symbol für eine Verbindung zum Farbenspiel gedeutet werden und aus dieser Sicherheit heraus,  wird ein Bild überhaupt möglich. Auf Grund der fortgeschrittenen Zeit kann er sein Bild nicht beenden.

Beim nächsten Farbenspiel muss ich nach seinen Anweisungen links und rechts neben dem begonnenen Bild (DIN A2) jeweils noch ein Blatt anbringen. Dann beginnt er links mit kurzen, dicken Strichen eine Bodenlinie in grün zu ziehen. Er wechselt zum rechten Blatt und hier malt er das „Wasser unter der Brücke“, es folgen die Anhänger der Lok, die sich in einem „Tunnel“ befinden. Über dem Tunnel entsteht ein ganz großer Vogel, es handelt sich um einen „Drachen“. Auf dem linken Blatt malt er jetzt einen Baum, „ein ganz, ganz großer Baum steht auf meiner Insel, da sitze ich drauf“, er skizziert wie ein Erwachsener mit zwei aneinander sitzenden Bögen mehrere schwarze „Vögel“. Jörg ’s Stimme wird immer kleinkindhafter und während er weitermalt, sagt er: „Da unten sitzt ein Piepmatz“ (links neben dem Baum) – „Piep, piep“ – „das ist ein Schnabel und da unten (unter dem Baum) ist ein Wurm, die fressen doch Würmer“. In der linken Bildfläche - in Bildinterpretationen als der Bereich für die Vergangenheit beschrieben - sitzt Jörg auf einem riesigen Baum ohne Blätter, ohne Kraft und an der Wurzel steckt ein Wurm. Die Vögel sind mit Hilfe ihrer Flügel dem Himmel näher kommende Wesen und verkörpern in der Symboltheorie vielfach den menschlichen Wunsch, sich von der Erdenschwere zu lösen. In der Mitte (Gegenwart) des Bildes steht das Symbol für Farbenspiel (Eisbär)  und auf der „Zukunftsseite“ (rechts) das Motiv Lokomotive und Tunnel. „Ich bin auf dem Weg – ich sitze im Zug …“. Der Weg zum sicheren Ort wird von der Szene, die Gegenüberstellung des Drachens (Ängste) und dem Eisbären (Sicherheit), beeinflusst.

15.10.03 Ich spreche Jörg auf seinen Vater an und bitte ihn zu malen, „Ich hab’ keinen Vater“ antwortet er mir. Eine Realität, die bis vor Kurzem noch existierte, die fragmentierte Amnesie zeugt von der Überforderung des Jungen gegenüber dieser Situation.

Dann malt er doch, eine schwarze Strichfigur „ganz winzig, wie eine Ameise“ mit einem „Alienkopf“. So muss er ihm vorkommen, unbekannt, aus einer anderen Welt dieser Vater.

Anmerkung

In der darauf folgenden Zeit verhält er sich in der Schule wieder unkonzentriert, durcheinander, unorganisiert. Jörg entwischt aus dem Heim und fährt mit dem Zug zu seinem vorherigen Heim – „Ein kleiner Mann in seinem Ohr“  hätte es ihm aufgetragen.

Im Farbenspiel sind nur Sandgestaltungen möglich, die ihn entspannen.

07.01.04 Eine ‚sicherer Ort’ - Imagination führt in die Höhle eines Berges im Weltall, plötzlich  ist die Höhle eine Kugel, dann wird  Jörg zur Kugel und er nimmt eine Embryohaltung ein in der er essen und trinken will. Daraufhin wird alles zu Kugeln und er versteckt sich in einer davon, eine Handpuppe begleitet ihn (Eisbär) und er kriecht unter die Decke. Es geht weiter und Jörg wird zu einem Zauberer, der sich und seinem Freund  Essen und Trinken zaubert.

Die häufig veränderten Imaginationen erinnern mich sehr an seine Lebenssituation, die geprägt ist von Unsicherheiten, Ängsten und Einsamkeit. Doch Jörg ist ein starkes, mit enormen Überlebensstrategien und Ressourcen ausgerüstetes Kind, sonst wäre er längst emotional verhungert. Als Zauberer sorgt er für sich und sogar noch für jemand anderen. Die später entstehenden Bilder drücken mit besonderer Qualität und Ausdrucksfähigkeit seiner Gefühle aus. Für den Vater malt er einen „Geist“, für die Mutter einen „Zauberer“. Im „Geist“– Bild werden ganz viel Unruhe und Unwissenheiten deutlich, eine gelbe, an ein Gespenst erinnernde Form, erhält erst einen lächelnden Mund, dann einen mit herunterhängenden Mundwinkeln und spitzen Zähnen. Das Umfeld ist mit schwarzem Wachsstift unruhig und schnell gemalt. Jörg scheint sich unklar über die Gefühle für diesen acht Jahre nicht existenten Vater zu sein, erzählen mag er nicht darüber. Das Bild für die Mutter macht mir seine Rolle der Mutter gegenüber deutlich. Er ist der Zauberer, er hat die Macht und er muss seine Mutter emotional versorgen. Auch dies ist ein typisches Zeichen einer Bindungsstörung, wenn die Kinder die Rolle der Erwachsenen übernehmen müssen.

Diese Gedanken sehe ich in einer späteren Sitzung bestätigt, denn er versorgt auf einmal mich mit Sandnudeln und Kastanien-Fleischklößen, es macht mir aber auch deutlich, dass eine Bindung besteht. Eine Bindung die einen kleinen Teil des Jungen stärken kann, um die Erfahrung zu machen in seinem Leben nicht nur von einem Ort zum anderen abgeschoben zu werden und dass er manchmal ein kleiner Junge sein kann.

 

Auszüge aus dem Bericht der Klassenlehrerinnen

„Jörg freut sich auf das Farbenspiel. Oft denkt er selbst an seinen Termin. Danach ist er oft ausgeglichen, versucht sich an Regeln zu halten.( …) In den Kreativphasen im Klassenverband braucht Jörg oft Zeit, um sich auf eine Aufgabenstellung einzulassen. Wenn er zur Ruhe kommt und anfängt zu arbeiten, entwickelt er eigene Ideen und Techniken, um sich auszudrücken. Manchmal kann er Gefühle und Befindlichkeiten über Zeichnungen ausdrücken.“

 

Abschluss

An diesem Beispiel möchte ich verdeutlichen, welche enorme Bedürftigkeit bei den Kindern unserer Schule herrscht, aber auch welche Möglichkeiten, welche Intensität ein regelmäßiger therapeutischer Einzelkontakt haben kann.

In erlebter Sicherheit und anhand von kreativen Mitteln bekommen die Kinder eine Chance ihre Gefühle auszudrücken, diese zu verbalisieren und alternative Verhaltensweisen zu erlernen. Meines Erachtens wird dies sehr eindrucksvoll in dem hier beschriebenen Fallbeispiel dokumentiert.

 

PROJEKTLEITUNG:

Kirsten Stamer

Dipl. Kommunikationsdesign / Dipl. Heilpädagogik / Kunsttherapie

 

Tel. / Fax 0 22 38 / 14 08 97

e-mail: k.sta@web.de