"Kinder waren einfach hungrig"

Imbiss gehört zum Konzept
von Bettina Jochheim

"Gibst Du mir mal die Butter?", fragt der zehn Jahre alte Kevin höflich. Mit zwölf Klassen-kameraden und den beiden Lehrerinnen Eva Pörsch und Michaela Pursian sitzt er am
Pressefoto vom Imbiss
Esstisch. Gemeinsam essen sie Brote und Nuss-Nougat-Creme, Marme-
lade, Rübenkraut und Käse, trinken Saft. Kevin bersucht die Heinrich-Böll-Schule in Frechen, eine Grundschule für Kinder mit Lernschwierig-
keiten, die statt mit dem vierten mit dem sechsten Schuljahr endet. Erst anschließend besuchen die Kinder weiterführende Schulen.
Für das Angebot "Mittagstisch" erhält der Förderverein der Heinrich-Böll-Schule eine finanzielle Hilfe von der M.DuMont- Unterstützungs-
kasse: "Wir helfen".
Die Böllschule ist die einzige Schule für Erziehungshilfe im Erftkreis, 100 Schüler werden dort von insgesamt 20 Lehrern unterrichtet.
Zwölf Schüler besuchen einen Klassenverband und werden dort von zwei Pädagogen betreut. "Die Doppelbesetzung gehört zum Schulkon-
zept und bietet einfach mehr Möglichkeiten", erläutert Schulleiter Ponsens.
"Bei uns gibt es keine klassischen Schulstunden, sondern einzelne Phasen - Arbeitsphasen, Kreativphasen, Bewegungsphasen und eben Imbiss-
phasen", beschreibt die stellvertretende Schulleiterin Inge Graf-Manne-
bach. Das gebe den Kindern eine Struktur und Kontinuität im Tagesab-
lauf.
Da der Imbiss nicht zu den Pflichtaufgaben des Trägers - des Erftkreises - gehöre, sei man für die Unterstützung durch "Wir helfen" sehr dankbar. "Die Idee wurde aus der Not geboren", sagt Herr Ponsens. Zu Beginn hätten die Lehrer beobachtet, dass die Kinder häufig hungrig zur Schule gekommen seien. Rasch habe man die zentrale Bedeutung des gemein-
samen Essens für die pädagogische Arbeit erkannt und zu einem Teil des "Phasenplans" gemacht, sagt Ponsens. Alles, was die Schüler und Lehrer mitbringen, wird morgens gesammelt und mittags gemeinsam gegessen. Andere Lehrerinnen sammeln - in Absprache mit den Eltern - monatlich Geld und kaufen Lebensmittel ein.
"Auch die Beziehung und Liebe zum Lehrer geht durch den Magen", schmunzelt der Schulleiter. "Mit dem Essen sind die Kinder pädagogisch zu erreichen. Sie lernen dabei unter anderem, soziale Verantwortung zu übernehmen. Sie bereiten die Malzeiten gemeinsam zu, decken den Tisch, erlernen Tischmanieren, essen zusammen und suchen auch das pri-
vate Gespräch mit den Lehrern", sagt Graf-Mannebach.
"Das ist echt cool hier", sagt der elfjährige Marcel und bestreicht sein Brot mit Nougat-Creme. In der Gemeinschaft zu essen, finde er schön. Als "abwechslungsreich bezeichnet Aydin (12) die Mahlzeiten und Björn (9) schließt sich an: "Zuhause haben wir nicht so viel und außerdem schmeckt es in der Gemeinschaft viel besser."
Kölner Stadt-Anzeiger-Nr. 39 (Erftkreisausgabe) vom 15.2.2001 (Bildmaterial: Jochheim)
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