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5.1 Die Definition
des Begriffs SALZPFLANZE ist nicht einheitlich
Wer bei seiner Wattwanderung auf die Vegetation
achtet, wird feststellen, dass in unmittelbarer Nachbarschaft des Wassers,
evtl. sogar überflutet, besondere Pflanzen, die HALOPHYTEN vorkommen,
die das Salz des Meerwassers, die Überflutungen und alle anderen z.T.
sehr unwirschen Lebensbedingungen im Vorland vertragen.
Salzpflanzen kommen keineswegs nur an der Meeresküste vor,
sondern auch im Binnenland, etwa in der Nähe des Kyffhäusers
(Waldgebiet südlich des Harzes) oder am Neusiedler See. Das berühmteste
Beispiel für ein Halophyten-Ökosystem ist freilich der Mangrovewald
tropischer Küsten. Allen Standorten gemeinsam ist ein erhöhter
Gehalt an leicht löslichen Salzen.
Zwei Stichworte für eine mögliche Charakterisierung sind
gefallen: Standort und Salzgehalt. Bei der Einteilung nach dem Standort,
dem Lebensraum resultieren drei Gruppen: wasserhaline, lufthaline und terrestrisch
haline Arten.
Nach dem Salzgehalt des Bodens werden ebenfalls drei große Gruppen
unterschieden: oligo-, meso- und polyhaline Arten.
Vier weitere mögliche Einteilungen führt KREEB in einem Überblick
auf, etwa die nach dem Salzgehalt der Pflanzen selbst! Diese Charakterisierungen
sind allerdings rein deskriptiv, nicht kausalanalytisch.
In der neueren Literatur konzentriert man sich daher
auf die Frage: Benötigen die Pflanzen dieser Standorte das Kochsalz
NaCl für ein optimales Wachstum, oder halten sie den "Salzstress"
einfach besser aus als andere Pflanzen?
Die Antworten unter diesem physiologischen Aspekt lauten OBLIGATE
und FAKULTATIVE Halophyten (WEISSENBÖCK) bzw. SALZRESISTENZ
und SALZTOLERANZ (BOTHE, KINZEL). Dabei wird zum einen die ökologische
Potenz der Pflanzen, ihr physiologischer Toleranzbereich in bezug auf das
Salz berücksichtigt (autökologische Fragestellung, Kausalanalyse).
Des weiteren wird das tatsächliche Vorkommen unter den Konkurrenzbedingungen
des Lebensraums berücksichtigt (synökologische Fragestellung,
multifaktorielle Analyse).
Den Halophyten
stehen die Glykophyten gegenüber, die an Salzstandorten auch unter
Ausschluss der Konkurrenz keine Überlebenschance haben. Die Halophyten
der Vorländer zählen zu relativ wenigen Pflanzengattungen, sie
gehören jedoch in verschiedene Familien. Daraus kann man ableiten,
dass es keine gemeinsame Evolution der Salzpflanzen gegeben hat (BOTHE).
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5.2 Salzresistenz und Salztoleranz
Einige Halophyten wachsen auf salzhaltigem Untergrund
besser; sie haben kräftigere Blätter und Sprosse, höhere
Frisch- und Trockengewichte: es sind die obligaten Halophyten! Aus Nährlösungen
nehmen sie in größeren Mengen NaCl auf und reichern es an; Kochsalzmangel
beeinträchtigt jedoch ihr Wachstum. Untersuchungen weisen z.B. Queller,
Strandsode und Meldenarten (nicht die Arten des nordfr. Wattenmeeres) als
solche salzresistenten Arten aus (KINZEL) (Abb.10). Sie haben sich an ihren
Standort angepasst (Einnischung), sie besetzen eine ökologische Nische.
Die optimale Konzentration für Queller z.B. ist höher als 1 %
Salz im Wurzelmillieu (KREEB).
Salztolerant dagegen ist z.B. die Strandaster, die ähnlich wie
die Glykophyten besser auf salzfreien Böden oder solchen mit nur geringem
Salzgehalt wachsen würde. An salzfreien Standorten kommt die Strandaster
aber nicht vor. Hier unterliegt sie der Konkurrenz der Glykophyten (Konkurrenz-Ausschluss-Prinzip).
Diese haben einen geringeren Toleranzbereich gegenüber Salz und sterben
unter Bedingungen ab, die die Strandaster noch ertragen kann. So kommt
die Strandaster vorwiegend an Standorten vor, die vom Salzgehalt her für
sie nicht optimal sind, an denen sie aber eben aufgrund dieses Salzgehaltes
des Bodens kaum noch Konkurrenten hat.
Ein Grund für die Niederlage der fakultativen Halophyten gegenüber
den Glykophyten an salzfreien Orten dürfte sein, dass die Halophyten
in der Regel langsamer wachsen als Glykophyten.
In dieser Beziehung gibt es auch Abstufungen innerhalb einer Salzpflanzenart:
Das langsamere Wachstum von Populationen der Arten Strandaster, Stranddreizack
und Queller an höher gelegenen Standorten, die im Sommer extrem salzreich
werden können, wird als besondere Anpassung gewertet. Zwei solcher
Ökotypen der salztoleranten Art Kröten-Binse (JUNCUS bufonius
ssp. bufonius) zeigten dies in einem Experiment sehr deutlich (s. Abb.
6.1/2).
In den verschiedenen Entwicklungsstadien der Pflanzen können Salztoleranz
bzw. -bedarf unterschiedlich sein. Wegen des hohen Wasserbedarfs ist die
Keimung eine besonders kritische Phase im Leben einer Pflanze (Tab.
6.1).
Schließlich sei noch erwähnt, dass Salz nicht unbedingt
Kochsalz meint. Unterschiedliche Reaktionen auf andere Salze sind bekannt,
jedoch hat Kochsalz in zahlreichen Versuchen die stärkste Giftwirkung
vor Kalziumchlorid, Magnesiumchlorid, Natrium- und Magnesiumsulfat. In
der genannten Reihenfolge nimmt die Toxizität für Weizen ab (KREEB):
Toxizität
der Salze: NaCl > CaCl2 > MgCl2 > Na2SO4
> MgSO4
Die Halophyten "wehren"
sich auf verschiedene Weise gegen die schädlichen Salze:
-
Sie erhöhen den osmotischen
Druck ihrer Zellen (= osmotische Anpassung).
-
Sie verdünnen durch Vergrößerung
ihrer Zellen und Gewebe die Salzkonzentration in den Zellen (Sukkulenz).
-
Sie werfen Pflanzenteile ab.
-
Sie deponieren Salz in den
Haaren der Blätter.
-
Sie scheiden das Salz durch
Drüsen aus.
Eine Übersicht über
die Anpassungen der Halophyten gibt INFO 5!
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5.3 Die Fähigkeit zur osmotischen
Anpassung
Salz zieht Wasser. Der Trick im Haushalt dagegen sind
die Reiskörner im Salzstreuer - und er wirkt nur begrenzt. Bald klumpt
das Salz doch: Salz und Körner konkurrieren um das Wasser. Obwohl
sich die Halophyten des Watts nicht über Wassermangel beklagen können,
stehen sie doch an einem physiologisch trockenen Standort! Insbesondere
in Perioden der Trockenheit kommt es zu einer Konkurrenz um das Wasser
im Boden zwischen dem Salz und dem Protoplasma der Pflanzenzellen. Eine
Pflanze kann an einem salzigen Standort nur dann Wasser aufnehmen, wenn
die Salzkonzentration in ihren Zellen noch größer ist als im
Boden, wenn also ihr osmotischer Druck größer ist als der osmotische
Druck der Bodenlösung, so dass eine Sogwirkung in die Wurzeln hinein
entsteht (Abb. 12).
Im Gegensatz zu den Glykophyten sind die Halophyten in der Lage,
Salze und organische Moleküle im Protoplasten anzureichern und damit
den osmotischen Druck z.T. erheblich zu erhöhen (Abb.
10.1-3 und Abb. 13.1-4). Der Queller nimmt
ungewöhnlich viel Kochsalz auf. Mit zunehmendem Alter steigt der osmotische
Druck aber so sehr, dass auch für ihn die Wasseraufnahme immer
schwerer und schließlich unmöglich wird. Bei extremen Konzentrationen
in der Bodenlösung (>3 M) dringt auch beim Queller Salz unkontrolliert
in die Wurzeln ein und vergiftet ihn.
Neben Kochsalz und anderen Salzen sind organische Moleküle
wie Rübenzucker (Saccharose), Oxalsäure (Oxalat), Asparaginsäure
(Aspartat) und vor allem Äpfelsäure (Malat) osmotisch wirksam.
Ihre hohen Konzentrationen fallen z.B. beim Schlickgras, dem Echten Widerstoß
und Strandbeifuß auf.
Diese osmotischen Anpassungen fasst die Abb.
13.2 zusammen: Die Aufnahme von Salz ist nur bis zu einer bestimmten
Grenze möglich; beim Schnittpunkt K ist der Chloridgehalt des Zellsaftes
gleich dem des Bodens. Eine weitere Steigerung des osmotischen Wertes ist
nur durch die Bildung von organischen, osmotisch wirksamen Substanzen wie
der o.g. organischen Säuren möglich (schraffierter Bereich).
Bei M ist schließlich der maximale osmotische Wert erreicht. K und
M sind artspezifische Größen.
Zur Zeit werden die Mechanismen in den Wurzeln der Halophyten
untersucht, die dafür sorgen, dass die genannten Salzmengen auch aufgenommen
werden können; man weiß noch nicht viel darüber, ob sie
sich wesentlich von den Pumpmechanismen der Glykophyten unterscheiden (BOTHE).
Die osmotische Anpassung der Salzpflanzen erzwingt ein weiteres
Phänomen, nämlich die Unempfindlichkeit ihrer Proteine gegenüber
den hohen Salzkonzentrationen im Plasma. Die Oberflächenladungen und
polaren Gruppen der Aminosäurebausteine werden z.T. von bestimmten
Ionen besetzt. Für die optimale Funktion der Proteine ist daher ein
bestimmtes Ionenmillieu notwendig. Ein Zuwenig und ein Zuviel beeinträchtigt
etwa die Aktivität von Enzymen, und der Biochemiker nutzt die Extreme
dieses Phänomens beim "Einsalzen" und "Aussalzen" von Proteinen. Durch
hohe Salzkonzentration fällt er ein Protein aus, durch schrittweise
Erhöhung einer niedrigen Konzentration bringt er es in Lösung.
Es ist nahezu nichts darüber bekannt, in welcher Weise Proteine der
Halophyten geschützt sind, also an hohe Salzkonzentrationen im Plasma
angepasst sind.
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5.4 Verdünnung der zellulären
Salzkonzentration durch Sukkulenz
Viele Pflanzen der Salzwiese sind sukkulent: Sie
haben dicke, fleischige Sprosse und Blätter, in denen Anzahl und Größe
bestimmter Zellen, der Parenchymzellen erhöht sind. Durch die Sukkulenz
wird das zu viel aufgenommene Salz verdünnt. Im Experiment kann gezeigt
werden, dass der Grad der Sukkulenz mit dem Salzgehalt des Bodens steigt.
Dieser Verdünnungsmechanismus ist neben der osmotischen Anpassung
der einzige Regelmechanismus bei den extremen Halophyten unserer Vorländer,
beim Queller, bei der Strandsode (auch bei der Strandaster zu beobachten,
s. AB 16). Ist nämlich bei Erhöhung
des osmotischen Drucks ein gewisser Grenzwert erreicht, kann nur dann weiter
Salz aufgenommen werden, wenn gleichzeitig auch Wasser aufgenommen wird,
die Zellen also größer werden und dadurch den osmotischen Druck
konstant halten. Queller, Sode und Strandaster sind übrigens einige
der wenigen einjährigen und zweijährigen Halophyten!
Allerdings hat auch die Sukkulenz ihre Grenzen.
Auffälliges Beispiel dafür ist die Rotfärbung des Quellers
im Herbst. Die Konzentration des Zellsaftes ist dann so hoch, dass die
Stickstoffaufnahme (Nitrat) gestört wird. Die Chlorophyllsynthese
verringert sich, und Betacyan, ein für Chenopodiaceae typisches rotes
Pigment, wird vermehrt gebildet. Durch zusätzliche Stickstoffversorgung,
etwa durch Besprühen mit Harnstoff, läßt sich die Rotfärbung
fast ganz unterdrücken (BOTHE). Die kräftigere, tetraploide Unterart
SALICORNIA EUROPAEA ssp. stricta kann offensichtlich in dieser Situation
noch genügend Stickstoff gewinnen; sie färbt sich nicht rot.
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5.5 Entsalzung durch Abwurf von
Pflanzenteilen
Der einfachste Mechanismus der Entsorgung ist der Abwurf
von Pflanzenteilen, insbesondere von Blättern. Diese Strategie nutzen
die Rosettenpflanzen, zu denen die Grasnelke, der Strandwegerich und der
Stranddreizack sowie das Dänische Löffelkraut gehören, sie
ist aber auch bei Gräsern wie der Salzbinse verwirklicht.
Vor dem Abwurf der Blätter werden ihnen bis zu einem gewissen
Grade die Nährstoffe entzogen.
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5.6 Sekretion in Haare hinein
Atriplex-Arten und die Salzmelde besitzen an ihren Blättern
besonders gebaute Haare, in die sie das Salz transportieren. Nach einer
gewissen Alterung werden die Haare häufig abgeworfen. Die Pflanze
ist damit das Salz los.
Die Haare bestehen aus einer großen Blasenzelle, die nahezu vollständig
durch den Zellsaftraum der Vakuole ausgefüllt wird, und einer Stielzelle,
die reichlich Plasma, Mitochondrien, Vesikel und Chloroplasten enthält.
Diese Stielzelle verbindet durch ihre Plasmodesmen die Blasenzelle und
das Blattgewebe; sie ist stoffwechselphysiologisch sehr aktiv, es ist aber
noch unklar, wie der Transport des NaCl in die Vakuole der Blasenzelle
vor sich geht (BOTHE).
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5.7 Salzausscheidung durch Drüsen
Salzdrüsen, die z. T. recht unterschiedlich
gebaut sind, findet man bei mehreren Pflanzenfamilien, von den erfassten
Arten beim Schlickgras, dem Echten Widerstoß, der Gemeinen Grasnelke
und dem Strandmilchkraut.
Die einfachsten Salzdrüsen beschreibt BOTHE für SPARTINA
FOLIOSA: Basal- und Kappenzelle liegen unter einer mit Poren durchsetzten
Cuticula und einem Subcuticularraum (s. Abb. 7.1).
Die Drüsen des Widerstoßes sind komplizierter gebaut.
Bei einer Dichte von 500 Drüsen/cm wird eine Verhältnis von Spaltöffnungen
zu Drüsen wie 10:1 erreicht. Sammel-, Becher- und Nebenzellen umgeben
die Sekretionszellen. Gegen die umgebende Oberhaut und das Mesophyll ist
die Drüse z.T. abgeschirmt, indem wasserundurchlässige Substanzen,
Cutin und Suberin, in die Zellwände eingelagert sind. Als Ausscheidungsmechanismus
diskutiert man zwei Thesen: die Exozytose und einen aktiven Chloridtransport
(BOTHE). Die Energie für den Chloridtransport sollen die nicht-zyklische
Photophosphorylierung und die Atmungskette liefern. Das verantwortliche
Enzym, eine chlorid-stimulierte ATPase, ist bei LIMONIUM VULGARE induzierbar:
werden Pflanzen vom salzfreien in ein Medium mit 0,1 M NaCl übergeführt,
dauert es etwa drei Stunden, bis die maximale Ausscheidungsaktivität
erreicht ist. Durch den rechtzeitigen Zusatz von Aktinomyzin D bzw. Puromycin
kann die Induktion unterbunden werden. Aktinomyzin D blockiert die Verlängerung
der RNA bei der Transkription, Puromycin unterbricht die Kettenverlängerung
bei der Translation. Die chloridstimulierte ATPase kann somit unter der
Giftwirkung nicht gebildet werden.
Mit dem letzten Arbeitsblatt in diesem Kapitel möchten
wir lichtmikroskopische Studien anregen. Wenn Sie ein einfaches Mikroskop
auf Ihrer Exkursion mitnehmen, um Diatomeen oder andere Kleinstlebewesen
des Watts oder die Körnung des Bodens zu untersuchen, dann sollten
Sie auch einige Blattquerschnitte versuchen. Ziele sind einerseits die
Haare und Drüsen einiger Halophyten (s. Tab.
5.1), andererseits werden Sie feststellen, dass einige Blätter
in ihrem Bau von dem des stereotypen "Laubblattes" erheblich abweichen.
Die Schnitte, die Sie in den Abb. betrachten
können, wurden einfach mit einer neuen Rasierklinge hergestellt und
mit einem Schülermikroskop durch einen Kameraadapter aufgenommen.
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INFO 5: Anpassungen
der Halophyten
INFO 6: Keimraten und Enzymaktivität
INFO 7: Blasen- und Drüsenhaare
AB 10: Resistenz / Toleranz
AB 11: Plamolyse
AB 12: Osmose
AB 13: Osmotische Anpassung
AB 14: Sukkulenz, Transpiration
AB 15: Abiotische Faktoren und Anpassung
AB 16: Anatomie
AB 17: Mikroskopische Untersuchungen
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