Antrieb der Industriellen Revolution:

Die Dampfmaschine

Funktion der Dampfmaschine

Folgen der Arbeitswelt

Die Dampfmaschine gilt als das Symbol der Industriellen Revolution,

sie ermöglichte erst einen gewissermaßen "industriellen Kreislauf":

Kohle wird auf beweglichen Dampfmaschinen zu Industriebetrieben

transportiert und treibt dort Dampfmaschinen an, deren Energie zu

einem Gutteil dazu verwendet wird, neue Schienen, neue Räder,

neue Lokomotiven, neue Bewegung herzustellen, die wiederum

Kohle zu Industriebetrieben transportiert, die ...

Experimente zur Nutzung der Dampfkraft wurden schon früh in der

Geschichte angestellt, aber es dauerte bis zum Anfang des 18.

Jahrhunderts, bis die erste brauchbare Dampfmaschine konstruiert wurde.

Der Engländer Thomas Newcomen hatte sie für das Kohlerevier von

Newcastle gebaut, und ihre Aufgabe war es, eingedrungenes Wasser aus

den Bergwerksstollen zu pumpen. Ihr Wirkungsgrad war noch sehr

bescheiden, aber vorerst erfüllte sie ihren Zweck. Daß sie für ihren Betrieb

enorme Mengen von Kohle verschlang, fiel nicht so ins Gewicht, da an

diesem Rohstoff dort, wo sie eingesetzt war, begreiflicherweise kein Mangel

herrschte.

Entscheidend verbessert wurde die Dampfmaschine durch James Watt, der

gelegentlich immer noch fälschlich als "Erfinder" der Dampfmaschine

bezeichnet wird. Watt entwickelte nach langwierigen Vorstudien und

zahlreichen Fehlversuchen technische Verbesserungen, die den

Wirkungsgrad der Maschine entscheidend erhöhten. Da das Problem der

"Wasserhaltung" im Bergbau nun gelöst war, stiegen auch die Förderquoten

von Kohle und Erz, was die wirtschaftliche Entwicklung natürlich

beschleunigte. Bald ergab sich das Problem, wie die gestiegenen

Fördermengen abtransportiert werden könnten. Zwar hatte man im 17.

Jahrhundert in England das Kanalsystem großzügig ausgebaut, um den

Güter- und Warenverkehr zu erleichtern, aber der Landweg blieb mühselig

und vor allem kostspielig.

George Stevenson war ursprünglich Maschinist in einem Kohlebergwerk und

kannte diese Probleme aus eigener Erfahrung. Die Idee, die Dampfkraft auch

als Antriebsenergie zu verwenden, war nicht mehr ganz neu - andere hatten

schon vor Stevenson mit dem Gedanken gespielt und sogar "Dampfwägen"

konstruiert. 1814 zog die erste von Stevenson gebaute Lokomotive die

Kohlewagen (Hunte), die zuvor auf mühselige Weise von Menschen

geschoben werden mußten - eine Arbeit, zu der sogar Kinder eingesetzt

wurden -, aus dem Schacht.

Die "Lokomotive" war zunächst nur für diesen begrenzten Einsatzbereich

vorgesehen, aber bald erkannte man die enormen Möglichkeiten des neuen

Transportmittels. Der nächste Schritt war es, Schienen für den Kohle- und

Erztransport über Land zu legen, und 1825 begann mit der legendären

Eisenbahnlinie Stockton-Darlington das Zeitalter des Personentransports.

In zweifacher Weise trieb die Dampfmaschine nun die Industrielle Revolution

voran, sodaß man von einem "industriellen Kreislauf" sprechen kann. Als

Energiequelle in den Fabriken speiste sie Maschinen, die ihrerseits neue

Maschinen erzeugten. Die Massenproduktion verlangte nach austauschbaren

Einzelteilen, die serienmäßig in hohen Stückzahlen gefertigt werden

konnten. Dazu mußte die Genauigkeit der Fertigungsprozesse erhöht

werden, was neue, exaktere Maschinen wie Drehbänke, Fräs- und

Bohrmaschinen erforderte.

Der Bedarf an Erz (und Kohle) stieg erneut. Immer größere Mengen an

Rohstoffen mußten abgebaut und vor allem zu den Fabriken transportiert

werden. Das machte neue Eisenbahnlinien, Schienen und Lokomotiven

erforderlich, die wiederum den Bedarf an Erz und Kohle steigerten.

Der wachsende Eisenbedarf machte auch eine Verbesserung der Effizienz

der Schmelzverfahren und damit des gesamten Hochofenwesens notwendig.

Schon ab 1735 stellte die Unternehmerdynastie Darby in Coalbrookdale auf

Eisenverhüttung durch Steinkohle um. Steinkohle ermöglichte höhere

Temperaturen im Hochofenprozeß und revolutionierte so die Eisenerzeugung,

da nun wesentlich größere und leistungsfähigere Hochöfen gebaut werden

konnten. Auch die Dampfmaschinen wurden mehr und mehr mit Steinkohle

beheizt.

Die Umstellung auf Steinkohle ließ in Österreich lange auf sich warten, da

die Vorkommen im Lande äußerst spärlich waren bzw. in den Randgebieten

der Monarchie lagen. Auch die Transportmöglichkeiten ließen zunächst zu

wünschen übrig, bis die Eisenbahn weiter entfernte Rohstoffvorkommen

erschloß. Holzkohle war zudem reichlich vorhanden. Für die Beheizung der

Dampfmaschinen, die sich erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts

durchzusetzen begannen, verwendete man manchmal auch ganz anderes

Material, z. B. Sägespäne. England war in jeder Hinsicht der Vorreiter der

Industriellen Revolution. Andere Länder hinkten zum Teil um Jahrzehnte nach

- wie auch Österreich. Die Dampfmaschine setzte sich in unserem Bereich

nur sehr langsam durch und spielte etwa in Ober- und Niederösterreich bis

weit ins 19. Jahrhundert hinein eine äußerst bescheidene Rolle. Das lag

unter anderem daran, daß die Wasserkraft der Flüsse, die als

Antriebsenergie sowohl der Textil- als auch der Metallbetriebe diente, in

reichem Maß verfügbar war. Eine gewisse Skepsis vor Neuerungen und

Reformen, die unserem Land oft nachgesagt wird, mag auch eine gewisse

Rolle gespielt haben.

Zumindest auf dem Eisenbahnsektor zog Österreich indes aber bald nach.

Zunächst mußten allerdings sowohl die Lokomotiven als auch das

fachkundige Personal aus England geholt werden. Das war vorerst äußerst

mühsam: Die Lokomotiven z. B. wurden in England in ihre Bestandteile

zerlegt, auf dem Seeweg zum österreichischen Hafen Triest und dann mit

Gespannen auf dem Landweg an ihren Bestimmungsort gebracht und

schließlich unter Aufsicht englischer Experten zusammengebaut.

Lokomotivführer ebenso wie Maschinisten genossen in der Regel hohes

Ansehen. Der mehr oder weniger souveräne Umgang mit der neuen

Energieform, die anfangs vielen noch ziemlich unheimlich war, flößte den

Zeitgenossen gehörigen Respekt ein. Entsprechend stolz präsentieren sich

die "Beherrscher der Dampfmaschine" auf den erhaltenen Abbildungen.

Der Beruf des Maschinisten in einer Fabrik, deren gesamte Produktion vom

klaglosen Funktionieren der Dampfmaschine abhing, war äußerst

verantwortungsvoll. Er mußte nicht nur entsprechendes technisches

Verständnis und Gespür für die Dampfmaschine haben, sondern auch

imstande sein, Schäden und sich abzeichnende Probleme rechtzeitig zu

erkennen, einzugreifen und nötige Reparaturen selbständig durchzuführen.

Die ständige Anwesenheit in unmittelbarer Nähe der Dampfmaschine barg

aber auch große Gefahren in sich. Bei plötzlichem Überdruck konnte

unversehens heißer Dampf austreten, und im Extremfall geschah es sogar,

daß die Maschine explodierte, was meist verheerende Folgen nach sich zog.

Aus diesem Grund war die Dampfmaschine - und damit der Arbeitsbereich

des Maschinisten - von der Fabrikshalle räumlich getrennt. Das hatte eine

gewisse Einsamkeit des Maschinisten, der sich bereits durch seine

Spezialistenrolle in der Fabrik von den übrigen ArbeiterInnen buchstäblich

"abhob", zur Folge.

In der Tat werden die Maschinisten in den entsprechenden Quellen einerseits

als sehr selbstbewußt, anderseits als "eigenbrötlerisch" geschildert. In

diversen Veröffentlichungen der Gewerkschaft und der frühen

Sozialdemokratie findet sich gelegentlich die Klage, mit Maschinisten, die oft

verantwortliche Positionen innerhalb der Arbeiterbewegung innehatten, ließe

sich aufgrund dieser angesprochenen Eigenheiten schlecht kooperieren, und

sie würden es mitunter an Solidarität mit den übrigen Fabriksarbeitern fehlen

lassen.

Zweifellos kam ihnen innerhalb der Arbeiterschaft eine nicht unbeträchtliche

Machtposition zu. Der Heizer war gewissermaßen der "Zwilling" des

Maschinisten. Meist ist er jedoch auf den Arbeitsfotos, die den Maschinisten

in seinem sichtbaren Berufsstolz zeigen, nicht zu sehen, obwohl seine

Arbeit unverzichtbar war. Im Gegensatz zum hochqualifizierten Maschinisten

war er lediglich eine Hilfskraft, die im wahrsten Sinn des Wortes die

"Drecksarbeit" machte.

Eine weitere Berufsgruppe, die im industriellen Kreislauf von Bergwerk,

Dampfmaschine, Eisenbahn und Fabrik eine wichtige Rolle spielte, blieb

ebenfalls häufig im Dunkeln: die Arbeiter im Kohlebergbau. Der

unentbehrliche Rohstoff Kohle wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein trotz

fortschreitenden Maschineneinsatzes auf eine Weise gefördert, die die

menschliche Arbeitskraft bis an ihre äußersten Grenzen belastete. Das wird

aus den Aufnahmen deutlich, die etwa vom Kohlebergbau im

oberösterreichischen Hausruck erhalten sind.

Der ökonomische Verfall dieser Region und die damit einhergehenden

sozialen Spannungen entluden sich beispielsweise im Jahre 1934 gewaltsam

im Zuge des Bürgerkrieges.

Die Bergarbeiter entwickelten ein eigenes Standesbewußtsein, das auf eine

jahrhundertelange Tradition zurückgriff. In den Kohleförderungsregionen (so

auch im Hausruck) hatten sich eigene Siedlungen entwickelt, deren gesamte

Infrastruktur auf die Anforderungen des Arbeitslebens zugeschnitten war.

In der Siedlung lebten nicht nur die Bergarbeiter, die meist über

Generationen hinweg im Stollen tätig waren, sondern auch ihre Familien. Es

gab Geschäfte, Lokale, Schulen und Freizeiteinrichtungen. Diese

gewachsenen Strukturen zerbröckelten in der Krise des Kohlebergbaus

unaufhaltsam, und ganze Regionen verloren mit der Arbeit auch die

Existenzgrundlage - und die betroffenen Menschen ihre Identität. Von den

Krisen, die sie keineswegs selbst verschuldet hatten, waren immer und

überall in erster Linie die Bergarbeiter und ihre Angehörigen betroffen.

Beispiele in unserem Jahrhundert gibt es genug: Man denke an den großen,

letztlich gescheiterten englischen Bergarbeiterstreik anfangs der achtziger

Jahre oder an die jüngsten Massenproteste im deutschen Ruhrgebiet.

Der Siegeszug der Dampfmaschine